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MINT-Fächer
Astrid Herbold
Spitzenreiter Deutschland darf sich nicht ausruhen

Technische und naturwissenschaftliche Studiengänge erfreuen sich größter Beliebtheit. Trotzdem verstummt die Klage über den Fachkräftemangel nicht

Die Nachricht war nicht nur gut, sie war hervorragend. Als die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kürzlich ihren Bildungsbericht 2017 vorlegte, durfte sich Deutschland über einen ersten Platz freuen. Jährlich vergleicht die OECD den Bildungssektor ihrer 35 Mitgliedsstaaten und einiger Partnerländer. In den sogenannten MINT-Studiengängen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ist Deutschland Spitzenreiter: 37 Prozent aller Studienabsolventen erlangten 2015 ihren Abschluss in einem MINT-Fach. Auf Platz zwei und drei folgten Indien und Südkorea mit jeweils rund 30 Prozent MINT-Absolventen; im internationalen Durchschnitt lag die MINT-Quote bei 27 Prozent. "Gute Nachrichten für das Hightechland Deutschland", kommentierte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU).

Seit Jahren bemühen sich Akteure aus Politik und Zivilgesellschaft, bei Schülerinnen und Schülern das Interesse für Technik und Naturwissenschaften zu wecken. Das hat Wirkung gezeigt. Doch trotz der positiven Entwicklung - die Anzahl der MINT-Studienanfänger steigt weiterhin stetig an - reißen die Warnungen vor dem Fachkräftemangel nicht ab. Ende September waren laut dem MINT-Herbstreport, einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, in MINT-Berufen deutschlandweit 469.300 Stellen unbesetzt. Zwar werden in dieser Statistik sowohl Arbeitsplätze für Akademiker als auch solche für Ausbildungsberufe gezählt. Trotzdem scheinen die Zahlen so gar nicht zu der erfreulichen OECD-Meldung zu passen. Woran liegt das?

Es reicht nicht Wer eine Antwort sucht, muss näher hinschauen. Beispiel IT-Branche: Im Wintersemester 2016/17 begannen mehr als 37.000 Studenten ein Informatikstudium. Das entspricht einem Plus von 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut Branchenverband Bitkom reicht das aber noch immer nicht aus: "Angesichts des weiter steigenden Bedarfs an IT-Spezialisten und der schon heute 55.000 fehlenden Fachkräfte müssen wir noch stärker für die Informatik trommeln", sagt Juliane Petrich, Bitkom-Leiterin Bildung. Sie verweist auf die zahlreichen Branchen jenseits des IT-Sektors, in denen Informatiker exzellente Berufschancen haben: Das reiche "vom Automobilbau über Gesundheit bis zum Banken- und Versicherungswesen".

Ein Problem der Informatikstudiengänge ist die hohe Abbrecherquote. Laut Bitkom geben rund die Hälfte der Studienanfänger das Fach wieder auf - "sodass letztlich nur ein Bruchteil derjenigen Studierenden, die ein Informatikstudium begonnen haben, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen". Und noch eine Zahl macht dem Verband Sorgen. Es fehlen nämlich nicht nur die Absolventen von Universitäten und Hochschulen. Im MINT-Herbstreport heißt es: "In den zurückliegenden Jahren hat sich die Struktur der MINT-Lücke verändert. Der Anteil der nichtakademischen Berufskategorien (Facharbeiter, Meister, Techniker) an der gesamten MINT-Arbeitskräftelücke ist [...] gestiegen."

Auch bei den Ingenieuren warnt man davor, sich angesichts der OECD-Zahlen entspannt zurückzulehnen. Von einem "Mangel" könne man aktuell nicht sprechen, eher von einem "gesunden Arbeitsmarkt", erklärt Lars Funk vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Angebot und Nachfrage passen gut zueinander. Zwar suchen die Unternehmen weiterhin händeringend - über 80.000 Stellen sind offen -, aber die hohen Absolventenzahlen haben insgesamt zu einer Entspannung des Arbeitsmarkts geführt. Der VDI geht allerdings nicht davon aus, dass es dabei bleibt. Einerseits werden bald viele Ingenieure aus den geburtenstarken Jahrgängen in Rente gehen, "andererseits rechnen wir damit, dass im Zuge des digitalen und technologischen Fortschritts der Ingenieurbedarf weiter steigt".

Zu wenig Frauen Es braucht also, trotz internationaler Spitzenposition, mittelfristig noch mehr MINT-Nachwuchs. Woher nehmen? Eine - diesmal weniger erfreuliche - Zahl aus dem OECD-Bericht könnte darauf eine Antwort liefern. Denn beim Frauenanteil liegt Deutschland international weiterhin zurück. Frauen seien "unterrepräsentiert", sie machen "nur 28 Prozent der Studienanfänger" in den MINT-Fächern aus, konstatiert die OECD. Für Ulrike Struwe, Leiterin der Geschäftsstelle "Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen" und Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums "Technik-Diversity-Chancengleichheit", liegt hier die große gesellschaftliche Aufgabe für die kommenden Jahre. Das Potential sei noch lange nicht ausgeschöpft. Zwar ist der Frauenanteil in einzelnen Fächern - etwa bei den Textilingenieuren oder in der Bioinformatik - bereits hoch. In anderen Fächern dagegen bleiben Männer weitgehend unter sich. "Im Fach Elektrotechnik liegt der Anteil der Studentinnen unter 20 Prozent." Manche MINT-Studiengänge, so Struwe, seien in Deutschland für Frauen immer noch keine Selbstverständlichkeit. "Da muss sich kulturell noch viel verändern."

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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