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Sowjetunion
Aschot Manutscharjan
Nicht vorhersehbar

Manfred Hildermeiers Opus Magnum über die Geschichte Russlands

Ein beliebtes Bonmot sowjetischer Historiker lautete: "Unsere Geschichte ist nicht vorhersehbar." Denn nach der Installierung eines neuen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei musste die Geschichte immer wieder umgeschrieben werden. Nach dem Zerfall der UdSSR im Dezember 1991 und der Gründung eines demokratischen Russlands konnten sich die Historiker ein Jahrzehnt lang an ihrer Freiheit erfreuen. Die Archive wurden geöffnet und bis dahin geheime Dokumente veröffentlicht - kurz: Die Geschichtswissenschaft durfte ohne ideologische Einmischungen auskommen.

Das Tauwetter währte nicht lange. Ab den 2000er Jahren ordnete Präsident Wladimir Putin die Geschichtsschreibung den "nationalen Interessen Russlands" unter und bestimmt seitdem persönlich den Deut-ungsrahmen für wichtige Perioden und Ereignisse in der Geschichte seines Landes. Wichtig ist ihm vor allem die Glorifizierung der Supermacht Sowjetunion. Kulturminister Vladimir Medinskij geht noch weiter: Er unterstellt ausländischen Autoren in seinen zahlreichen populären Büchern eine bewusste Verleumdung der russischen Geschichte. Auch mit den Mitteln des Strafgesetzbuches geht der russische Staat gegen vermeintliche Falsifizierungen der Geschichte vor. So wurde ein Blogger in der russischen Provinz bestraft, weil er über den Angriff der Sowjetunion auf Polen im September 1939 geschrieben und damit angeblich die Sowjetunion mit Nazi-Deutschland "gleichgestellt" hatte. Dabei zweifelt kein ernstzunehmender russischer Historiker an der Existenz des "Hitler-Stalin-Paktes". Umso wichtiger sind Geschichtsbücher über Russland, die unabhängig von der Kontrolle des Kremls veröffentlicht werden.

Dass deutsche Wissenschaftler in der internationalen Russland-Historiografie federführend sind, belegt das Opus Magnum des Göttinger Osteuropa-Historikers Manfred Hildermeier: In seinem exzellenten zweiten Russland-Band, erschienen in der "Historischen Bibliothek der Gerda Henkel-Stiftung", beleuchtet er die Geschichte von 1917 bis zum Ende der dritten Amtszeit Präsident Putins. Hildermeier stellt in seinem Standardwerk die entscheidenden politischen und geschichtswissenschaftlichen Diskurse über Russland dar. Zugleich hat er alle zugänglichen Quellen und die besten Bücher über Land und Leute ausgewertet, darunter russische Studien, so dass dieses Meisterwerk auch als eine Enzyklopädie der sowjetischen Hemisphäre daherkommt.

Warum ist das Zarenreich untergegangen? Woran scheiterte der erste russische Versuch im Februar 1917, einen demokratischen Staat zu errichten? Der Wissenschaftler beginnt seine Erzählung mit Wladimir Lenins "Oktoberumsturz" - eine 74 Jahre andauernde kommunistische Diktatur sollte folgen. Lenins Nachfolger Josef Stalin konnte die Mobilisierungsdiktatur nur mit massiven Repressionen erhalten. Selbst während des von Nikita Chruschtschow initiierten anti-stalinistischen "Tauwetters" (1958 bis 1961) und dem von Leonid Breschnew "Entwickelten Sozialismus" (1970 bis Anfang der 1980er Jahre) wurden Oppositionelle verfolgt. Dazu zählte das Regime nicht nur den nationalen und religiösen Widerstand, sondern auch Künstlerinnen und Künstler, die das Leben im "sozialistischen Paradies" kritisierten. Es gehört zu den Stärken der Arbeit Hildermeiers, dass er neben den historischen und wirtschaftspolitischen Erzählsträngen auch die politische Opposition einbezieht. Außerdem erwähnt er die zeitgenössischen Kulturtrends und die gesellschaftlichen Proteste in der Sowjetunion mit ihren bekanntesten Vertretern.

Das Scheitern der Planwirtschaft und der Krieg in Afghanistan förderten die kritische Stimmung in der Gesellschaft und vertieften die Legitimationskrise der Kommunistischen Partei. Mit einer Umgestaltung des Systems - mit Perestrojka - versuchte Michail Gorbatschow seit 1985 den "Kasernen-Sozialismus" zu reformieren. Schließlich verlor er seinen Machtkampf als Präsident der Sowjetunion gegen Boris Jelzin, den ersten Präsidenten der Russischen Föderation. Als Zeichen des Wechsels wurde am 25. Dezember 1991 über dem Kreml symbolträchtig die sowjetische Fahne mit Hammer und Sichel eingeholt und durch die russische Trikolore ersetzt.

Im Schlusskapitel über das postsowjetische Russland (1991 bis 2016) entwirft Hildermeier einen pessimistischen Ausblick. Scharf kritisiert er die Putin'sche "gelenkte Demokratie" und den "russischen Bonapartismus" des Präsidenten. Unter diesen Herrschaftsbedingungen kennt die russische Gesellschaft keinen Fortschritt. Zwar gibt es - im Unterschied zur Situation vor 100 Jahren - keinen Zaren mehr. Dafür gilt: "Souverän in Russland ist nur der Präsident, während die Demokratie am Boden liegt."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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