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Lenin
Hans Krump
Absoluter Wille zur Macht

Victor Sebestyen legte eine neue Biografie über den russischen Revolutionär vor

"In sechs Monaten baumeln wir am Galgen, oder wir sind an der Macht", soll Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin im April 1917 zu Karl Radek gesagt haben, als er im schweizerischen Schaffhausen den Zug in Richtung Russland bestieg. Das offenbart schon einiges über den russischen Berufsrevolutionär, der im entscheidenden Moment alles auf eine Karte setzte - und gegen alle Wahrscheinlichkeiten siegte. Lenin ist der Begründer des ersten sozialistischen Staats, im größten Flächenland der Welt, mit gewaltigen Wirkungen im 20. Jahrhundert. Der britische Journalist und Historiker Victor Sebestyen hat aus Anlass des Jahrhundertjubiläums der russischen Oktoberrevolution 1917 nun eine fulminante Biografie über Lenin vorgelegt.

Das Buch beginnt reportageartig mit der dilettantischen, gewaltsamen Machtübernahme durch die Bolschewisten in Petrograd in der Nacht des 24. Oktober 1917, als sich Lenin mit einer Perücke verkleidet den Weg in die Innenstadt bahnt. Die Aktion einiger Berufsrevolutionäre, die nur klappte, weil die bürgerliche Kerenski-Regierung noch dilettantischer agierte, hatte nichts mit einem Massenaufstand zu tun, wie es zu Sowjetzeiten propagiert wurde. Sie wurde vor allem durch Lenins unbedingten Willen zum Losschlagen gegen die geschwächte Regierung zum Erfolg.

Das Verdienst des Autors ist es, Lenin, den jahrzehntelang Millionen auf der Welt verehrten und dessen konservierter Leichnam bis heute im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau angeschaut werden kann, aus der historischen Ferne zurückzuholen. Sebestyen breitet detailliert ein großes Panorama aus, vom despotischen Zarenreich Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Tod Lenins 1924 mit nur 53 Jahren.

Geburt Uljanows 1870 in der Wolgastadt Simbirsk in einer Beamtenfamilie, mütterliche deutsch-jüdische und väterliche kalmückische Wurzeln, mit 17 Revolutionär geworden, als sein älterer Bruder wegen eines geplanten Attentats auf den Zaren hingerichtet wurde. Dann Studium marxistischer Schriften, Aktivitäten im Untergrund, Verbannung nach Sibirien, Exil in München, London, Genf, Paris, Rückkehr nach zwei Jahrzehnten im April 1917 nach Russland, Revolution, Terror, Bürgerkrieg, Krankheit und Tod.

Viel Raum widmet der Autor Lenins Beziehungen zu Frauen, vor allem der Ménage à trois mit seiner Ehefrau Nadeshda Krupskaja und der Französin Inessa Armand.

Sebestyen schildert Lenin als kompromisslosen Mann, als großen Zerstörer, der mit der Wahrheit jonglierte, um Theorien der Wirklichkeit anzupassen, als jähzornigen Disputanten, der sein ganzes Leben in den Dienst der Revolution stellte, mit wechselnden Verstecken und Decknamen. Nervöse Überspanntheit, Magen- und Kopfschmerzen waren ständige Begleiter dieses unsteten Lebens. Der Gründer der Sowjetunion wird gleichwohl nüchtern beschrieben, der Autor arbeitet sich nicht an ihm ab. Die Ideengeschichte wird bei Sebestyen nur gestreift. Dabei hatte sich Lenin in seinen Schriften viel Mühe gegeben, den Marxismus auf ein unterentwickeltes Land wie Russland anzuwenden.

Lenin hat die spätere Sowjetunion von Beginn an geprägt, die wie ihr Gründer "heimlichtuerisch, misstrauisch, intolerant, asketisch, unbeherrscht" gewesen sei, schreibt der Autor. Heute können wir Bilanz ziehen über den Weltkommunismus, der politisch und ökonomisch gescheitert ist, mit Millionen Toten unter Stalin und Mao. Ist seine Zeit endgültig vorbei? In unserer globalisierten Welt mit vielen Verlierern wirkt Sebestyens Äußerung zu Lenin ein wenig drohend: "Seine Fragestellungen begleiten uns heute auf Schritt und Tritt. Und die Antworten könnten genauso blutig sein."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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