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BERUFLICHE BILDUNG
Alexander Weinlein
Kluge Köpfe

Eine Enquete-Kommission soll die Anforderungen an die Fachkräfte von morgen untersuchen

Wie kann die berufliche Bildung an die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt von morgen angepasst werden? Wie kann der Fachkräftebedarf der deutschen Wirtschaft befriedigt werden? Wie kann die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung gestärkt werden? Dies sind nur einige der Fragen, auf die die Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Welt", die der Bundestag am vergangenen Donnerstag eingesetzt hat, in dieser Legislaturperiode Antworten finden soll. Den entsprechenden gemeinsamen Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und der Linksfraktion (19/2979) verabschiedete der Bundestag ohne Gegenstimmen, lediglich die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen enthielt sich.

Prinzipiell soll die Kommission zwar öffentlich tagen können, vor allem bei Anhörungen und Fachgesprächen. Nicht durchsetzen konnten sich allerdings die Grünen mit ihrer Forderung, dass das Gremium regelmäßig öffentlich tagt und seine Sitzungen live im Internet übertragen werden. Den entsprechenden Änderungsantrag lehnte der Bundestag mit der Stimmenmehrheit der Koalitionsfraktionen gegen das Votum der AfD, der Linken und Grünen ab, die FDP enthielt sich der Stimme.

38 Mitglieder Angehören werden der Enquete-Kommission 19 Bundestagsabgeordnete und 19 Sachverständige. Die Union entsendet sieben Mitglieder, die SPD vier und die AfD, FDP, Linke und Grüne jeweils zwei. Die Sachverständigen sollen im Einvernehmen zwischen den Fraktionen benannt werden.

Der CDU-Abgeordnete Arnold Vaatz verwies auf das deutliche Ungleichgewicht zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung. Nach dem Bericht der Bundesregierung "Bildung in Deutschland 2018" habe zum fünften Mal in Folge eine halbe Million junger Menschen ein Studium begonnen. Wenn man bedenke, dass die Geburtenjahrgänge von 1997 bis 2001 durchschnittlich 750.000 Geburten hatten, zeige dies, wie groß der Drang in die akademische Ausbildung sei. "Demgegenüber stehen - so sagt es zum Beispiel der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks - insgesamt 15.000 unbesetzte Stellen im Handwerksbereich", sagte Vaatz. Dies sei eine "alarmierende Zahl", denn auch Akademiker bräuchten Bäcker, Elektriker und Menschen, die die Infrastruktur in Gang halten. Deshalb müsse die Attraktivität der beruflichen Bildung erhöht werden. Die Arbeit der Enquete-Kommission könne eine vernünftige Argumentations- und Faktengrundlage für die nötigen politischen Entscheidungen bieten.

Umbrüche in der Arbeitswelt Der SPD-Parlamentarier Karl Lauterbach warnte, dass die Arbeitswelt "vor dem größten Umbruch seit Jahrzehnten steht". Durch die Digitalisierung und den vermehrte Einsatz von Robotern und Maschinen würden ganze Berufe schlichtweg wegfallen. "Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim geht davon aus, dass das etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland betreffen wird", sagte Lauterbach. Umgekehrt würden neue Berufe und Geschäftsfelder entstehen: "Derjenige, der die Maschinen, die Intelligenz, die Netze und die Dienstleistungsfirmen aufbaut, die diesen Wandel anderswo möglich machen, wird das exportieren können."

Für die AfD-Fraktion forderte Jörn König, dass die Enquete-Kommission die betriebliche Realität des Mittelstandes in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt. Das erfolgreiche System der dualen Ausbildung in Deutschland müsse weiter gestärkt werden. Die OECD habe diese besondere Berufsausbildung bis heute nicht vollständig verstanden und fordere eine immer stärkere Akademisierung. "Uns ist aber ein zupackender, kompetenter Handwerker lieber als ein weiterer Schreibtischtheoretiker", lautete Königs Befund. Der Mittelstand benötige keine abgehobenen Konzepte, sondern digitale Hilfestellungen im Alltag.

Der FDP-Abgeordnete Jens Brandenburg monierte, dass der Bund die akademische und berufliche Ausbildung höchst unterschiedlich fördere. Während das Bildungsministerium 2,2 Milliarden Euro in den Hochschulpakt investieren wolle, werde für die berufliche Bildung lediglich ein Drittel dieses Betrages zur Verfügung gestellt. Im Hochschulbereich gebe es umfangreiche System der Begabtenförderung, aber kaum in der beruflichen Bildung. Ebenso fehle ein Äquivalent zum akademischen Austauschdienst. "Wer von Gleichwertigkeit redet, muss den Worten endlich Taten folgen lassen", sagte Brandenburg.

Soziale Herkunft Birke Bull-Bischoff forderte für die Linksfraktion eine Entkopplung von beruflicher Bildung und sozialem Status: "Leistung muss sich lohnen, und nicht soziale oder kulturelle Herkunft." Die Kommission müsse Antworten darauf geben, welche Unterstützungssysteme benachteiligte junge Menschen aus sozial schwachen Elternhäusern benötigen. "Wir brauchen kluge Köpfe, auch diejenigen, die bereits wegen ihrer sozialen Herkunft ausgebremst wurden", sagte die Abgeordnete.

Unzufrieden mit dem Arbeitsauftrag für die Enquete-Kommission zeigten sich die Grünen. Wichtige Themen wie die berufliche Weiterbildung oder die Integration benachteiligter Gruppen seien "nicht substanziell" mit Untersuchungsaufträgen für die Kommission hinterlegt, befand Margit Stumpp (Grüne). Eine Erstausbildung dauere in der Regel drei bis 3,5 Jahre, ein Berufsleben aber rund 40 oder 45 Jahre. Das zeitliche Verhältnis 1:15 mache es doch "augenfällig, dass man sich dringend mit der Frage beschäftigen muss, wie Methoden und Strukturen der Weiterbildung als teil und Notwendigkeit des lebenslangen Lernens aussehen soll", sagte Stumpp. Auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit werde werde weitgehend ausgeblendet. Nicht einmal im Hinblick auf den Fachkräftemangel in den mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Berufen wolle man das Thema Berufswahl von Mädchen und jungen Frauen als "brachliegendes Potenzial" in den Blick nehmen, monierte die Grünen-Abgeordnete.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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