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Parlamentarisches Profil
Winfried Dolderer
Die Traditionsbewusste: Sahra Wagenknecht

E ine "verpasste", eine "bewusst verspielte Gelegenheit". Sahra Wagenknecht betont das Wort "bewusst". Mit gemischten Gefühlen blickt die Co-Chefin der Linksfraktion auf die Novemberrevolution 1918, bei der nach ihrem Urteil die Chance einer "progressiven Umgestaltung" nicht ergriffen wurde, und zu deren Hinterlassenschaft die tiefe Spaltung der Arbeiterbewegung in verfeindete Parteien zählte. Dass für beides die damalige Mehrheits-SPD, die Partei Friedrich Eberts und Philipp Scheidemanns, das Hauptmaß an Verantwortung trug, steht für Wagenknecht außer Frage. Von "Versagen" spricht sie, mit Blick auf die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts auch von "Verbrechen".

Gewiss, der November 1918 habe den Sturz der Monarchie und "zum ersten Mal auf deutschem Boden allgemeine freie Wahlen" gebracht. Andererseits seien die Machtverhältnisse des Kaiserreichs konserviert worden mit der Folge, dass der Weimarer Demokratie eine kurze Lebensdauer beschieden war. Sozialdemokraten hätten den damaligen Umbruch nutzen können, um gerechte Eigentumsverhältnisse zu schaffen. Sie seien schließlich in der Arbeiterschaft breiter verankert gewesen als USPD und Spartakusbund, die radikale Linke. Statt dessen habe die SPD falsch gespielt und Hoffnungen getäuscht. Sie sei ohnehin in Teilen der fortschrittlichen Gesellschaft bereits seit August 1914 isoliert gewesen durch ihre "Kriegsbefürwortung".

Den Eindruck, den die blutigen Exzesse der bolschewistischen Herrschaft in Russland auf die damaligen Zeitgenossen machten, möchte Wagenknecht nicht überbewertet sehen. Dass in Deutschland im Spätherbst 1918 politisch Verantwortung tragende Sozialdemokraten sich auf dieses abschreckende Beispiel beriefen und mit der Notwendigkeit, Massenelend und Chaos zu vermeiden, die Zusammenarbeit mit den etablierten Mächten begründeten, hält sie für einen Vorwand.

Schließlich hätten die führenden Köpfe der radikalen Linken selbst damals deutlich gemacht, dass sie das bolschewistische Modell für Deutschland ablehnten. Rosa Luxemburg habe sich von den "undemokratischen Elementen" in der russischen Entwicklung distanziert und sich auch gegen den bewaffneten Aufstand des Spartakusbundes Anfang Januar 1919 ausgesprochen. Sie und Liebknecht seien dennoch von Regierungstruppen ermordet worden, wohl nicht "im Auftrag", gewiss aber "mit Billigung" damals verantwortlicher Sozialdemokraten.

Die DDR, in der Wagenknecht aufgewachsen ist, hat das Revolutionsgedenken mit Mahnmalen und Ritualen gepflegt. Die jährliche Wallfahrt zu den Gräbern Liebknechts und Luxemburgs zu deren Todestag, dem 15. Januar, war in ihrer Erinnerung eine der wenigen offiziellen Staatskundgebungen, wo viele freiwillig hingingen, sogar aus tiefem Herzen. Deswegen habe sich die Tradition auch bis heute gehalten. Die Menschen seien nicht gekommen, um Erich Honecker zuzuwinken, sondern aus Respekt für die beiden Toten.

Das Schicksal Liebknechts und Luxemburgs hat Sozialdemokraten und Kommunisten lange entzweit - für Wagenknecht mittlerweile ferne Vergangenheit. Was heute zwischen der Linken und der SPD stehe, sei vielmehr die Erfahrung, dass Sozialdemokraten immer wieder Bündnisse mit Kräften geschlossen haben, die den Interessen ihrer Anhänger zuwiderhandeln. In Wagenknechts Augen quasi eine Konstante von Ebert bis Schröder

Dabei sieht sie das linke Lager keineswegs als zur Spaltung verdammt. Es gebe Beispiele erfolgreicher linker Einheit. Die britische Labour Party unter Jeremy Corbyn oder Podemos in Spanien. Auch in der Bundesrepublik habe jahrzehntelang mit der SPD eine einheitliche linke Kraft bestanden, bis sie unter Gerhard Schröder "ihre ganze Programmatik verleugnet" habe. Seit einiger Zeit wirbt Wagenknecht selber für ein neues gemeinsames Projekt, das im September an den Start gehen soll, eine "Sammlungsbewegung" für progressiv Bewegte aus SPD, Grünen und der eigenen Partei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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