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Gastkommentare - Pro
Eckart Lohse, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"
Eben nicht Weimar

Ist unsere Demokratie gefestigt genug?

V ielleicht liegt es daran, dass es so neue, ungewohnte Gedanken sind. Wer in den 1960er- und 1970er Jahren aufwuchs - und das sind viele -, war erst 30 oder noch mehr Jahre nach der Nazidiktatur politisch sozialisiert. Demokratie, Frieden, Westbindung und Europa galt ihnen als Teil der deutschen DNA, als Selbstverständlichkeit.

Deswegen erschrecken sie seit einiger Zeit. Putin scheint den Frieden in Frage zu stellen, Trump die Westbindung, der Brexit Europa. Und in Deutschland geht eine Partei deutlich rechts der Mitte mit bislang für undenkbar gehaltenen Parolen gegen das bewährte politische System und aggressiver Islamfeindlichkeit erfolgreich auf Stimmenfang. Daraus entsteht ein Wahrnehmungsgemisch, an dessen Ende die Frage auftaucht: Wird die freiheitliche Demokratie durchhalten?

Bei allem Verständnis für die Angst, dass solche höchsten Güter Schaden nehmen oder gar in Gefahr geraten könnten: Die bundesrepublikanische Demokratie ist eben nicht mit der Weimarer Republik zu vergleichen. Immerhin kann auf fast 70 Jahre demokratische Stabilität zurückgegriffen werden. Die Kriegsgefahr war während des Kalten Krieges, zumal während dessen Eskalationen, höher als heute. Die Bonner Republik hat die Herausforderung durch den RAF-Terror überstanden, den von weiteren 40 Jahren Diktatur geprägten Landesteil integriert und verkraftet sogar eine Partei, deren einer Teil in der Nachfolge der SED steht.

Diese Diagnose hat natürlich keine unbegrenzte Gültigkeit. Sorglosigkeit mit dem Hinweis, dass sieben gute Jahrzehnte der Garant für die Ewigkeit seien, wäre fahrlässig. Aber ein gesunder Optimismus ist gerechtfertigt und bekommt dem Land besser als Angst und Schlechtreden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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