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Munition Fisch mit Tumor

Millionen Tonnen liegen in Nord- und Ostsee

06.08.2018
2023-08-30T12:34:33.7200Z
2 Min

Man sah jahrzehntelang nichts von ihr. Sie schien sicher versenkt in den Tiefen von Nord- und Ostsee und damit kein Problem mehr zu sein. Doch weit gefehlt: 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs warnen Wissenschaftler vor den Folgen der massenhaften Entsorgung von Kriegsmunition nach 1945. Allein in deutschen Gewässern lagern nach Aussage des Thünen-Instituts für Fischereiökologie rund 1,6 Millionen Tonnen auf dem Meeresboden.

Größtenteils handelt es sich dabei um konventionelle Munition, also Spreng- oder Brandmunition, die meist mit TNT oder weißem Phosphor befüllt ist. Ein kleinerer Teil ist chemische Kampfmunition, die Senfgas, Tabun oder arsenhaltige Kampfstoffe enthält. Während die chemische Munition überwiegend in tiefen Gebieten der Ostsee (Bornholm- und Gotlandbecken, zirka 42.000 bis 65.000 Tonnen) und des Skagerraks (zirka 200.000 Tonnen) lagert, ist die konventionelle Munition großräumig verteilt. Die Hüllen rosten nun seit Jahrzehnten vor sich hin. Sind sie erst mal beschädigt, können sie ihren giftigen Inhalt ans Meer abgeben. So fanden Wissenschaftler des Thünen-Instituts heraus, dass 25 Prozent einer Plattfisch-Art in einem besonders munitionsbelasteten Gebiet der Kieler Außenförde einen Lebertumor hatten. In drei Vergleichsgebieten der Ostsee habe diese Rate unter fünf Prozent gelegen, schrieben die Forscher.

Eine neue Studie des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel in Kooperation mit dem Forschungsprojekt UDEMM (Umweltmonitoring für die Delaboration von Munition im Meer) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, kam jüngst zu dem Ergebnis, "dass es sich dabei um ein globales Problem handelt, von dem Küstenregionen fast aller Kontinente betroffen sind", sagt Geomar-Forscher Aaron Beck.

Mit der Nutzung der Meere zur Energiegewinnung und der Verlegung von Kabeln und Pipelines auf dem Meeresgrund rückt das Thema seit einigen Jahren wieder verstärkt in den Fokus. Doch die Wissenslücken über die Freisetzung und das weitere Schicksal der Chemikalien seien, global betrachtet, eklatant. "Aber genau diese Prozesse sind entscheidend für eine Abschätzung, wie Altmunition die Meeresökosysteme beeinflussen kann", erläutert Beck. In Deutschland gibt es zwar eine Datenbank, die alle Munitionsfunde auflistet. "Doch das Ziel muss sein, sie letztendlich auch zu beseitigen. Und das ist eine Mammutaufgabe", erläutert Beck.