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REKRUTIERUNG
Michelle Trimborn
Nachwuchsjagd auf Youtube

Die Truppe bemüht sich um Bewerber

"Wir. Dienen. Deutschland." Dieser große Schriftzug und drei Bundeswehrangehörige begrüßen jeden, der den sogenannten Showroom der Bundeswehr nahe der Berliner Friedrichstraße betritt. Was man sonst eher von Modeunternehmen kennt, hat seit 2014 auch die deutsche Armee, um sich zwischen Drogerie und Schuhgeschäft der Laufkundschaft zu präsentieren. Denn: Zum Wir, das Deutschland bei der Bundeswehr dienen will, zählen sich zu wenige.

Aktuell sind etwa 21.000 militärische Dienstposten nicht besetzt. Auch beim zivilen Personal der Bundeswehr fehlt Nachwuchs: Knapp 10.000 der etwa 68.000 Stellen waren im vergangenen Jahr frei. Besonders schlecht sieht es dort aus, wo hohe körperliche Anforderungen oder spezielles Fachwissen gefordert sind. So mangelt es an Kampfschwimmern genauso wie an IT-Fachkräften. Der Geo-Informationsdienst war zuletzt nicht einmal zur Hälfte besetzt. Dabei will die Bundeswehr wachsen: 2017 gab es etwa 170.000 Berufs- und Zeitsoldaten, bis 2024 sollen es 198.000 sein. Um Bewerber zu finden, geht die Bundeswehr dahin, wo die Menschen sind: auf Messen, an Schulen, in Berufsinformationszentren. Oder eben an den Bahnhof Friedrichstraße.

Auf Youtube Im Showroom herrscht nicht Tarnfarbengrün, sondern dunkles Blau vor. Uniformen und Marschgepäck sind zwar ausgestellt, die Ausrüstung der Soldaten, die hier von Erfahrungen berichten und Nachwuchs beraten, besteht aber vor allem aus Karriere-Broschüren und einer Kaffeekanne. Statt hochqualifizierter Quereinsteiger lässt sich zumindest an diesem Nachmittag ein Schüler beraten. Einsatz für den Kaffee in der Sitzecke.

Wie ein Leben bei der Bundeswehr aussehen könnte, flimmert über einen Bildschirm an der Wand: Der Rekrut Baunach ist einer von zwölf Menschen, welche die Bundeswehr für die Webvideo-Serie "Die Rekruten" drei Monate lang bei der Grundausbildung an einer Marinetechnikschule begleitet hat. Mit den Youtube-Videos will die Bundeswehr mit Klischees und Vorurteilen aufräumen - und bei den 17- bis 25-Jährigen um neue Rekruten werben. Im November 2016 ging die Serie online. 40 Prozent mehr Zugriffe auf ihr Karriereportal, 25 Prozent mehr Anrufe bei der Karrierehotline und schließlich 21 Prozent mehr Bewerbungen vermeldete die Bundeswehr für die Zeit der Ausstrahlung. Es folgte die Webserie "Mali", die Soldaten rund um ihren Auslandseinsatz begleitete. Denn auch fehlende Informationen über Auslandseinsätze, heißt es aus dem Verteidigungsministerium, seien Grund für die Zurückhaltung, sich zu bewerben.

Unumstritten ist diese Form der Werbung allerdings nicht. Insbesondere Die Linke kritisiert, dass damit vor allem Minderjährige angesprochen würden. Tatsächlich waren 2017 2.218 Rekruten bei Dienstantritt noch nicht volljährig, 221 mehr als 2016. Vor ihrer Volljährigkeit dürfen die Jugendlichen nur an der Waffe ausgebildet werden, aber keinen Dienst damit leisten.

Dass die Bundeswehr in Sachen Personal neue Wege geht, zeigt sich nicht nur an Youtube-Videos. Unter dem Stichwort "Trendwende Personal" will sie sich für künftige Aufgaben wappnen. Statt starrer personellen Obergrenzen soll es einen "atmenden Personalkörper" geben, also regelmäßige Bedarfsanpassungen. Doch seit der Abschaffung der Wehrpflicht 2011 ist die Personalgewinnung schwieriger. Die Begeisterung für den freiwilligen Wehrdienst nimmt ab. Nur 13.200 Menschen bewarben sich im vergangenen Jahr, 2013 waren es noch 19.000. Doch Soldat auf Zeit wollen stetig mehr werden. Ein Verdienst der neuen Personalstrategie? Maßnahmen wie Verpflichtungsprämien sollen die Menschen an die Bundeswehr binden. Auch Dienst an abgelegenen Orten soll weichen, damit die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie Quereinsteiger anzieht, aber auch Wiedereinsteller, also Ehemalige. Die Altersgrenze von 40 Jahren wurde gelockert. Körperliche und geistige Anforderungen werde aber nicht gelockert, um das Personalproblem zu lösen, betont etwa der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD): "Vielmehr werden neuerdings differenzierte Untersuchungen und dem Anforderungsprofil des jeweiligen Dienstpostens angepasste Bewertungen der Bewerber vorgenommen", heißt es in seinem Jahresbericht 2017.

Erfreuliche Entwicklung Ohnehin klingt die Personalsituation aus Sicht der Bundeswehr weniger angespannt. Den 21.000 fehlenden Soldaten stehen aktuell 35.700 Soldaten in Ausbildung gegenüber. Selbst die Situation in der IT - erst im April 2017 hat das Bundeswehrkommando Cyber- und Informationsraum (CIR) den Dienst aufgenommen - entwickelt sich laut Aussage einer Bundeswehrsprecherin positiv: Rund 80 Prozent der militärischen und zivilen Dienstposten im IT-Bereich seien besetzt, die Entwicklung sei "erfreulich".

Im Showroom wird die Suche dennoch fortgesetzt. "Wie ziehst du eine Firewall um ein Feldlager?", werden hier die ITler der Zukunft gefragt. Flyer werben fast ausschließlich für die Ausbildung zum IT-System-Elektroniker oder für die Laufbahn als Offizier und IT-Student. Betont wird, was anderswo mangelt: kleine Lerngruppen, günstiger Wohnraum, 1.800 Euro Gehalt als Student. Dafür verpflichtet man sich für 13 Jahre mit Versetzungsbereitschaft und möglicher Teilnahme an Auslandseinsätzen. Andere Broschüren locken den Nachwuchs mit Spiel und Spaß: IT-Camps zum Kennenlernen der Bundeswehr beim Aufbau eines Netzwerks und Spielen des Armee-Strategiespiels "Command & Conquer". Es klingt wie eine LAN-Party bei der Truppe, Übernachtung in der Kaserne inklusive.

Ob das IT-Camp für Nachwuchs sorgt oder der Showroom gut ausgebildete Laufkundschaft zum Militär bringt, kann die Bundeswehr nicht sagen: Wie viele sich nach Informationsgesprächen bewerben, wird nicht erfasst. Doch die Hoffnung, auch hier an der Trendwende Personal mitzuwirken, scheint groß: Das Karriereberatungsbüro, an das Interessenten vermittelt werden, befindet sich jedenfalls nur wenige Schritte entfernt.Michelle Trimborn

Aus Politik und Zeitgeschichte

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