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Parlamentarisches Profil
Franz Ludwig Averdunk
Der Protestler: Andrej Hunko

Gibt es Genugtuung bei der EU-kritischen Linkspartei über den Brexit? Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko (55) aus Aachen wartet mit einem klaren "Nein" auf: "Das ist keine Lösung", gibt sich der europapolitische Sprecher der Fraktion überzeugt: "Uns ist schließlich die Kooperation der europäischen Staaten sehr wichtig", versichert er. "Was wir kritisieren, sind Demokratie-Defizite, auch neoliberale Festlegungen in den EU-Verträgen. Das wollen wir verändern."

In einem ungeregelten Brexit sieht er eine große Gefahr. Weshalb er schon während des Tauziehens der letzten Wochen eher für eine Verlängerung des Verhandlungszeitraums als für ein abruptes Scheitern der Gespräche eingetreten war: "Ein No-Deal-Szenario wäre eine Katastrophe", sagt Hunko, der auch Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates ist.

Für ihn ist dabei Europa mehr als die Europäische Union. Europa müsse sich zudem als "Teil einer international wachsenden Zusammenarbeit sehen und nicht als Block, der sich abschottet - Stichwort: Aufrüstung an den Grenzen gegen Flüchtlinge". Auf den "Internationalismus" kommt Hunko immer wieder zu sprechen: "Er gehört zum Genom der Linken. Da haben wir einen riesigen Unterschied zu den Rechten." Er malt an dem "Bild eines solidarischen, kooperativen, sozialen Europas". Allerdings: "Das ist im Augenblick leider nicht sichtbar."

Zur europäischen Zusammenarbeit gehöre für ihn auch eine Kooperation mit Russland dazu. Bei aller kritischen Sicht auf Moskau, die er durchaus teile: "Ich halte die Konfrontation zwischen der EU bzw. Ukraine und Russland für verheerend, auch für die Ukraine." Dies sagt der Aachener mit ukrainischen Wurzeln.

1991 schmiss Hunko sein Medizinstudium hin: "Das war eine Reaktion 1991 auf den Irak-Krieg, eine nicht sehr reife Reaktion, wie ich rückblickend finde." Aber er sei halt sehr wütend gewesen: "Ich wollte wissen: Woher kommen die Kriege?" Seine Erinnerung: "Das hat mich geprägt. Ich wollte politisch aktiv werden." Seine Zeit als Aktivist der außerparlamentarischen Opposition begann. So habe er sich gegen die zunehmenden Kriegseinsätze oder gegen Neonazis engagiert. Besonders blickt er zurück auf die "sozialpolitischen Proteste 2004" - die Aktionen gegen die Agenda-Politik. "Als Sprecher der Montags-Demos gegen Hartz-IV habe ich mich auch an den bundesweiten Protesten beteiligt." Wobei er am eigenen Leib erfuhr, was ihn auf die Straße trieb. Nach seinem Studienabbruch habe er zeitweise als Lkw-Fahrer oder auch als Krankenpfleger gearbeitet, zuletzt als Mediengestalter in einer Druckerei, die in die Insolvenz ging. Der Stichtag wollte es so, dass er einer der ersten Hartzer in Aachen wurde.

In dieser Zeit der Demonstrationen habe er "das erste Mal überlegt, ob ich in eine Partei eintreten soll". Er entschied sich für die WASG, die insbesondere von Gewerkschaftern gegründete "Wahl-alternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit".

2007 fusionierten WASG und PDS zur Partei "Die Linke". Hunko: "Es gab damals kulturelle Unterschiede. Wir aus dem Westen waren eher rebellisch geprägt. Viele aus dem Osten kamen hingegen aus staatlicher Verantwortung und wollten ihre Werte in der neuen Bundesrepublik erhalten." Inzwischen sei Ost-West nicht mehr das Thema in der Fraktion.

Als er in die WASG eintrat, habe er "nicht im Entfernsteten daran gedacht, dass ich einmal hier in Berlin lande". Aus der außerparlamentarischen wird die parlamentarische Opposition im Bundestag: "Veränderungen brauchen beides." Einerseits bedürfe es der gesellschaftlichen Bewegung. Zuletzt habe dies das Geschehen um den Hambacher Forst gezeigt: "Ich war oft da - es geht nicht ohne außerparlamentarischen Druck." Andererseits brauche man "auch die Akteure in den Parlamenten, die das dann in konkrete Politik umsetzen". Diese Aufgabe habe er jetzt lieb gewonnen.

Was unternimmt Andrej Hunko außerhalb der Politik? "Alles, was genau mit dem Gegenteil zu tun hat, was ich hier mache: Draußen sein, wandern gehen, zelten gehen, Sport machen in der Natur."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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