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Bulgarien
Andreas Kunz
Kunst, Kaffee und »Aylyak«

Mit kosmopolitischem Flair und einer äußerst lebendigen Kreativszene hat Plovdiv den Kulturhauptstadt-Titel erobert

Die Marktfrau am Ponedelnik Pazar, dem "Montagsmarkt", der seinem Namen zum Trotz täglich geöffnet ist, hebt ihren Blick, während sie routiniert Walnuss um Walnuss knackt und für den Verkauf säubert: "Was wir Alten von der EU haben? Nichts! Die meisten bekommen nur 200 Lewa Pension und müssen weiterarbeiten, so wie wir." Ihr Mann steht schweigend hinter dem Marktstand, wo die beiden auch eigenen Honig anbieten, und nickt zustimmend. "Und die Preise steigen und steigen. Die EU ist nur für die großen Fische."

Der Markt liegt am Fuße der denkmalgeschützten Altstadt Plovdivs mit ihren prächtigen Kaufmannshäusern, malerischen Kopfsteingassen und dem römischen Amphitheater, das heute wieder - vor der imposanten Kulisse der Rhodopen - als Freilichtbühne dient. Die Altstadt ist der Touristenmagnet der bulgarischen Stadt, auf den Markt aber verirren sich nur wenige Reisende. "Naja, im Sommer haben wir schon etwas mehr Kunden durch die Touristen", sagt die Marktfrau und lacht: "Vielleicht sollte ich auf meine alten Tage doch noch Englisch lernen?"

Wesentlich mehr Leute zieht es in das Ausgeh- und Kreativviertel "Kapana" auf der anderen Seite der drei Altstadthügel. Zwischen den zweistöckigen Häusern fühlt man sich in eine französische Kleinstadt versetzt, es reihen sich Cafés an Boutiquen, Restaurants an Werkstätten, Galerien an Gemischtwarenläden. Hier trifft die Bohème der Stadt auf hippe Touristen aus aller Welt. Das "Café Nevi" allerdings war lange vor den Hipstern da: Seit 1997 trinkt man hier, hinter der Fassade mit Graffiti-Portraits von John Lennon und Jimi Hendrix, auf dunkelgrünen Plastikstühlen den erschwinglichsten Kaffee in Kapana.

Regelmäßig zu Gast ist der renommierte Fotograf Nedyalko Kostov. Seit mehr als 40 Jahren dokumentiert er Plovdiv und seine Menschen. Der Endsiebziger sieht sich als Bürger Europas: "Wenn ich ins Ausland gehe und mich mit jemandem unterhalte, denkt niemand: Das ist ein Bulgare!" Das Kapana-Viertel kennt er seit seiner frühesten Kindheit: "Hier waren überall kleine Werkstätten. Einer schmiedete Kupfer, der nächste reparierte Uhren, ein anderer beschlug Pferde und der nächste machte Speiseeis. Hier lebten Armenier, Juden und eine Handvoll Türken."

Im Sozialismus verschwanden die Handwerker, das Viertel verfiel; erst in den vergangenen Jahren wurde es durch geschickte Stadtentwicklung und zahlreiche Veranstaltungen wiederbelebt: sichtbares Ergebnis auch der Bewerbung zur Kulturhauptstadt. Über den Titel hat Nedyalko Kostov sich gefreut: "Die Kreativen haben immer in Plovdiv gelebt: Maler, Musiker, Gelehrte. Wir waren immer schon eine Art Kulturhauptstadt." Und eine Stadt, die nach Europa blickte. Der Fotograf zitiert einen Reisebericht aus dem 19. Jahrhundert: "Die Plovdiver leben nach westlicher Manier, nach französischer, deutscher und italienischer Art."

Kosmopolitisches Flair kann man auch heute wieder atmen, wenn man sich wie die Einheimischen an der Dzhumaya-Moschee verabredet und durch die Hauptstraße flaniert. Sie ist von Bauten aus der Epoche von Klassizismus bis Postmodernismus gesäumt. Fünf Meter unter den Ladenzeilen schlummert ein komplettes römisches Stadion, an manchen Stellen ist es freigelegt. "Egal an welchem Wochentag, die Hauptstraße ist immer voller Leute, und man fragt sich: Arbeiten die überhaupt? Es hat etwas Mediterranes." Manol Peykov, Jahrgang 1970, gefällt das entschleunigte Leben in Plovdiv, und trotz vieler Möglichkeiten hat er seiner Heimatstadt nie den Rücken gekehrt. Der Verleger beobachtet aufmerksam das Leben in der Stadt, die er als "westlich in ihren Werten und östlich in ihrer Spiritualität" charakterisiert. Die Veränderungen seit dem EU-Beitritt siedelt er eher im nicht-sichtbaren Bereich an: "Klar, die Menschen sind etwas besser angezogen und verdienen etwas mehr. Aber entscheidend ist, wie isoliert wir uns früher gefühlt haben. Man brauchte ein Visum für überall, immer lastete der misstrauische Blick eines Beamten auf uns. Wir mussten um Erlaubnis bitten, in den Westen gehen zu dürfen."

Florierende Kunstszene Heute bewegen sich die Plovdiver frei durch Europa und Europa kommt in ihre Stadt. "Plovdiv 2019" bringt Aufmerksamkeit und füllt die Hotels. Manol Peykov war persönlich an der Bewerbung um diesen Titel beteiligt: "Die Idee kam aus der Zivilgesellschaft, aus dem Herzen der Stadt. Anfangs glaubte kaum jemand, dass es tatsächlich klappen könnte." Aber dann hat man sich sogar gegen die Hauptstadt Sofia durchgesetzt. Heute lassen sich in der herausgeputzten Innenstadt die positiven Effekte auf Schritt und Tritt beobachten.

Auch die junge Kuratorin Vesselina Sarieva kennt Plovdiv noch ganz anders. Das Büro ihrer "Open Arts Foundation" liegt in einer ruhigen Seitenstraße. "Als wir 2004 angefangen haben, waren hier vor allem Wechselstuben und Leihhäuser - nicht sehr einladend. In anz Plovdiv gab es keinen Raum für zeitgenössische Kunst. Der Kunstbetrieb war sehr elitär. Zudem haben wir noch all diese Denkmäler aus dem Sozialismus. Uns war wichtig zu zeigen, dass der öffentliche Raum nicht der Politik gehört, sondern den Bürgern."

Über die Jahre hat Vesselina Sarieva sich einen Ruf als eine der führenden Organisatorinnen in der arischen Kunstszene aufgebaut. Ihr Team hat viele Projekte angestoßen, die heute Teil des Kulturhauptstadtkonzepts sind. Sie betreibt eine Galerie und ein Café und betreut ein europaweites Netz von jungen bulgarischen Künstlern, die von den neuen Möglichkeiten innerhalb der EU profitieren. Positive Effekte sieht sie auch in der alltäglichen Kulturarbeit: "Früher hat das Rathaus nach Lust und Laune entschieden, wer Förderung bekommt. Dank der EU ist heute alles transparenter und man muss gründlich dokumentieren."

Umgekehrt könne Europa auch von Plovdiv lernen: "Hier leben Armenier, Juden, Bulgaren und Türken freundschaftlich zusammen, die Nachbarschaft ist von Respekt und Toleranz geprägt - das kann ein Modell für Europa sein. Dieser Glaube, dass ein Zusammenleben möglich ist. Leider wissen unsere Politiker das nicht immer zu schätzen. Aber Plovdiv - das sind letztendlich die Menschen."

Und das spezielle Plovdiver Lebensgefühl, für das es sogar ein eigenes Wort gibt. "Wie erkläre ich aylyak?" Die Kuratorin lächelt nachdenklich. "Es bedeutet, dass du dich hier vors Café setzt und mit einem zufälligen Passanten ein Gespräch beginnst, sei es der Straßenkehrer oder der Bürgermeister: Kommunikation, Gemeinsamkeit und Muße - das ist aylyak. Darüber hinaus heißt es: Was auch immer passiert, wir kommen zu Recht!"

Der Autor ist freier Journalist und lebt seit 2014 in einem Dorf bei Plovdiv.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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