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Ortstermin: im Zeiss-grossPlanetarium berlin
Lisa Brüßler
»Wir sind kein Museum der Sterne«

Auf seinem Tisch steht ein Lego-Modell der Apollo 11- Mondlandefähre. Tim Florian Horn hat die mehr als 1.000 Teile selbst zusammengesetzt. Auch nach fünf Jahren als Direktor des Zeiss-Großplanetariums ist ihm die Begeisterung für Sterne, das All und Wissenschaft ins Gesicht geschrieben. "Planetarium bedeutete eine lange Zeit, dass man sich klein fühlen soll. Wenn man bei uns rauskommt, soll man wissen, dass man Teil des Universums ist", sagt Horn. Dafür ist er auch gern selbst im Einsatz: Bei der partiellen Mondfinsternis Mitte Juli moderierte er spontan ein Sonderprogramm. Und das um 23.30 Uhr.

"Für mich ist entscheidend, dass wir bei all der hochmodernen Technik viele Programme live moderieren und nichts vom Band kommt", erklärt der 36-Jährige. Die Diskussion, das spontane Umschalten, wenn ein Schüler nicht die Sonne, sondern etwa den Mars näher kennenlernen möchte, das macht für den zweitjüngsten Planetariumsdirektor Europas den Reiz des modernen Planetariums aus. Möglich ist das vor allem durch Vernetzung: "Die Programme im Planetariumssaal können entweder als 360°-Videos abgespielt werden oder es ist eine riesige Datenbank, durch die man wie in einem Kosmos-Simulator live durchfliegen kann", sagt Horn. Neue Datensätze werden in eine Cloud hochgeladen, auf die weltweit alle Planetarien, die die Software nutzen, zugreifen könnenDas Planetarium, in dem jeden Tag dasselbe Programm abgespielt wird, gehört in dem Saal, der einen Innendurchmesser von 23 Metern hat, der Vergangenheit an.

Die Faszination für den Weltraum ist ungebrochen, Horn glaubt, sie flammt sogar wieder neu auf: "Je größer das Universum in unserer Wahrnehmung wird, desto wichtiger ist es, eine Orientierung zu geben", sagt er. Die "Ahs" und "Ohs" der Besucher und die Zahlen geben ihm Recht: Mehr als eine Millionen Besucher verzeichnen die drei Berliner Planetarien und Sternwarten - eine Verdreifachung. "Wir sind kein Museum der Sterne, sondern ein Wissenschaftstheater", betont Horn. Mit den Projektoren können nicht nur Sterne gezeigt werden, sondern auch das Innere einer Zelle oder die Plattentektonik.

"Wir sehen, seit es G8 gibt, viele Kindergartenkinder, Grund- und Mittelstufenschüler, aber zu wenige Jugendliche", erzählt Horn. Bei der Gestaltung der Angebote orientiere man sich an den Rahmenlehrplänen Berlins und Brandenburgs. Fester Bestandteil ist dabei das mobile Wissenschaftstheater INTENSE. Mit einem Kuppel-Durchmesser von acht Metern kann es in Aulen oder Turnhallen von Schulen aufgebaut werden. Es verfügt über dieselbe Technik wie der Planetariumssaal, sodass gemeinsam interaktive Inhalte erarbeitet und gestaltet werden können. Das ist für Horn der Schlüssel: "'Bitte nicht berühren' war häufig das Credo in Museen. Es muss genau andersherum sein, denn es geht um das Begreifen, das Selbermachen."

Das Großplanetarium ist Teil der Stiftung Planetarium Berlin, zu der noch weitere Standorte zählen: Während es in der Archenhold-Sternwarte eher um die Astronomie-Historie geht, soll sich der zweite Standort am Insulaner zu einem Bildungszentrum entwickeln, in dem es um die Gegenwart geht. Das Großplanetarium steht für die Zukunft. "Astronomie plus", wie Horn es nennt, bedeutet Astronomie, Physik, Chemie, Biologie und Medizin. Forschung und Wissenschaft tagesaktuell als Forum und relevant zu präsentieren, wie es etwa in einem Science Center möglich ist - das ist seine Vision.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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