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Innovation
Bernd Brunner
Neue Mondträume

Immer mehr Länder arbeiten daran, den Erdtrabanten als technologisches Sprungbrett zu nutzen

US-Präsident Donald Trump möchte, dass die USA "ganz groß" in den Weltraum zurückkehren und wünscht sich, schon in fünf Jahren wieder Menschen - darunter dezidiert auch eine Astronautin - auf dem Mond. Das gab Vizepräsident Mike Pence, der zugleich als Vorsitzender des National Space Council fungiert, Ende März bekannt. Im gleichen Atemzug kritisierte Pence die NASA für ihre "bürokratische Trägheit" und drohte damit, die Organisation zu verändern, sofern das Vorhaben nicht gelinge.

Es war eine Ankündigung, die viele überrascht hat, im Rückblick allerdings gar nicht so ungewöhnlich ist. Mit der Ausnahme von Barack Obama, der mit seiner Aussage "da waren wir schon" die Mond-Euphorie gebremst und den Mars zum Ziel und einen Asteroiden als Zwischenstation erkoren hatte, haben das fast alle Präsidenten seit Richard Nixon geäußert. Sie gingen damit kein großes Risiko ein, weil solch ein Projekt in der Regel so lange Vorlaufzeiten hatte, dass sie dann nicht mehr im Amt gewesen wären. Diesmal läge der Termin der Mondlandung dagegen sogar noch kurz vor dem Ende einer eventuellen zweiten Amtszeit Trumps. Ob die von Trump in die Wege geleitete Erhöhung des NASA-Budgets um 1,6 Milliarden US-Dollar ausreichen wird, ist unklar. Zudem steht die Zustimmung des Kongresses dafür noch aus. Bislang sahen die Planungen der NASA einen bemannten Flug zum Mond erst für 2028 vor.

Testflüge verschoben Wird die für 2024 geplante Landung machbar sein? Der Knackpunkt für die nächste Reise von Menschen zum Mond ist die Fertigstellung der mehr als 100 Tonnen schweren und 110 Meter hohen Schwerlastrakete Space Launch System (SLS). Ein Testflug der Rakete, die sowohl für Mondmissionen als auch für spätere Marsflüge entwickelt wurde, war eigentlich schon für 2017 angesetzt, doch bisher wurde der Termin immer wieder verschoben. An ihrer Spitze wird das in Bremen gebaute amerikanisch-europäische Orion-Raumschiff sitzen. Ihm kommt die Aufgabe zu, vier Menschen in eine Umlaufbahn des Mondes zu transportieren, von wo aus mit einer Landefähre der Abstieg auf die Mondoberfläche erfolgen soll. Mit Orion verbindet sich auch die Erwartung der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), bei künftigen Missionen europäische Raumfahrer mit an Bord zu haben.

Rolle privater Unternehmen Der amerikanische Präsident begreift nun vor allem private Unternehmen als Motoren für "Artemis", das neue Mondprogramm; insofern ist die Ausgangssituation anders als in früheren Jahrzehnten. Die NASA, die ab Ende der 2020er Jahre auch eine längerfristige Mondbasis, den Lunar Orbital Platform-Gateway einrichten möchte, plant Aufträge in Höhe von 85 Prozent des Gesamtbudgets an kommerzielle Zulieferer zu vergeben. Und zwar für Raketen, Landemechanismen, Logistik und Raumfahrtanzüge. Eine Rolle in diesem Zusammenhang dürfte neben Elon Musk mit seinem Unternehmen "SpaceX" auch der Amazon-Gründer Jeff Bezos spielen, dessen Weltraumprojekt "Blue Origin" bis ins Jahr 2000 zurückreicht. Kürzlich hat er verlautbart, dass sein Mondlandegerät "Blue Moon" in fünf Jahren einsatzbereit sein soll. Interessant dabei ist, dass es um die Chemie zwischen Trump und Bezos nicht um das Beste bestellt ist.

Auch auf europäischer Seite gibt es Pläne für eine dauerhafte Plattform auf dem Mond. Dahinter steht die in Wien ansässige Nichtregierungsorganisation "Moon Village Association", die sich als Diskussionsplattform für staatliche und private Initiativen versteht, die ähnliche Ziele verfolgen. Die ESA verfolgt die Idee eines Dorfes auf dem Mond seit 2016.

Anders als vor einem halben Jahrhundert, als der Wettlauf zum Mond seine Triebkraft aus dem Kalten Krieg bezog, gibt es heute mehrere Staaten, die den Mond als Ziel haben. China überraschte die Weltöffentlichkeit, als es Anfang dieses Jahres die Landefähre Chang'e 4 auf der Rückseite des Mondes landen ließ, um die Oberfläche wissenschaftlich zu erforschen. Es war das erste Mal, dass ein Gerät auf der von der Ende abgewandten Seite des Mondes aufgesetzt ist, was als technisch überaus heikle Angelegenheit gilt. Auch Indien ist im Zusammenhang der neuen Bemühungen zu nennen: Als die unbenannte Sonde Chandrayaan-1 im Oktober 2008 zum Mond flog, bestand ihre Aufgabe darin, Daten für einen dreidimensionalen Atlas beider Mondhälften zu sammeln und die Mondoberfläche auf bestimmte Elemente zu untersuchen. Nach Verzögerungen begann Ende Juli die Mission Chandrayaan-2. Ebenso hat Japan eine Mission gestartet, und auch Südkorea steht in den Startlöchern. Russland, inzwischen nur noch auf dem Papier Partner der Internationalen Raumstation (ISS), möchte 2030 Kosmonauten zum Mond bringen.

In den Sternen steht bislang noch der Transport zahlungskräftiger Touristen zum Mond. Eher abseitig nimmt sich das Angebot der Bestattungsfirma Celestis aus, sterbliche Überreste nicht nur - wie bisher schon - in den Weltraum zu befördern, sondern auch auf dem Mond abzulagern.

Mikro-Meteoriten, aggressiver Staub und kosmische Strahlung stellen auf dem Mond ein erhebliches Risiko dar. Leichtgewichtige Fahrzeuge und robotractors, die sich geschickt auf der Oberfläche bewegen und Gesteinsproben entnehmen, dürften bei der Erkundung eine entscheidende Rolle spielen. Kreativere Tätigkeiten blieben dann den Menschen vor Ort vorbehalten.

Neue Perspektiven Angesichts der geringeren Anziehungskraft des Mondes bietet sich der Mond als Startpunkt für Weltraumfahrten zu weiter entfernten Zielen an. Dabei sind Wasser- bzw. Eisvorkommen auf dem Mond heute der Rohstoff, der die Fantasie der Wissenschaftler beflügelt. Einmal in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten, könnten Wassermoleküle die Grundlage für Raketentreibstoff und Atemluft sein. Im Zentrum der neuen Mondträume steht auch Helium-3, die leichtere Variante eines Edelgases, das auf der Erde nur in kleinen Mengen vorkommt, auf dem Mond jedoch vermutlich in anderen Dimensionen. Würde es gelingen, dieses Gas zur Erde zu transportieren, könnte es mit Deuterium in Fusionsreaktoren zu Helium-4 verarbeitet werden. Es wäre ein sauberer Energielieferant, der keinen strahlenden Müll hinterlassen würde. Experten sind der Meinung, dass bis zu einer Nutzung solcher Reaktoren noch mehrere Jahrzehnte vergehen dürften. Zuweilen in das Fantastische geht es bei der Vorstellung, nach dem Vorbild der Erde eine künstliche Atmosphäre auf dem Mond zu schaffen, in der sich Pflanzen und Tiere wie zuhause fühlen können - es wird mit dem Begriff "Terraforming" belegt.

Bevor der Mond Plattform für die geplanten Aktivitäten werden kann, gilt es noch zu klären, welche Gesetze dort gültig sind und wer überhaupt die Mondoberfläche verändern darf. 1967 unterzeichneten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion den von den Vereinten Nationen entworfenen Weltraumvertrag, den "Outer Space Treaty". Darin wurde der Mond zu einer terra nullius erklärt, eine Welt, die niemandem bzw. der gesamten Menschheit gehört. Bis heute haben sich diesem Vertrag gut einhundert Länder angeschlossen. Es gibt noch andere völkerrechtliche Verträge, insbesondere den Mondvertrag von 1979: Er bestimmt, dass der Mond nicht als Testgelände für Militärzwecke genutzt werden darf, und schließt aus, dass ein Land seine Verfügungsgewalt über einen Himmelskörper oder Teile von ihnen erklärt - doch wurde diese Ergänzung des Weltraumvertrags bisher von keinem der im Weltraum aktiven Staaten ratifiziert. Aber auch Einzelpersonen beanspruchen Land auf dem Mond für sich, weil sie die internationalen Verträge so interpretieren, dass sie nicht für Privatpersonen gültig seien.

Der Autor ist Sachbuchautor in Berlin und Istanbul.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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