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Christoph Seidler
Mehr Schub

Deutschland ist in der Raumfahrt ein wichtiger Akteur, mit einem allerdings eher kleinen Budget

Die Zeremonie war kurz, aber herzlich. Der alte Kommandant hatte Geschenke mitgebracht: einen kleinen Kristall, der von einem Vulkan in der Antarktis stammte, eine silberne Medaille mit einer Friedenstaube darauf - und einen kleinen Schraubenschlüssel zum Öffnen von "Sojus"-Kapseln. Am 3. Oktober vergangenen Jahres übergab Nasa-Astronaut Drew Feustel das Kommando auf der Internationalen Raumstation (ISS) an seinen ESA-Kollegen Alexander Gerst.

Es war erst das zweite Mal, dass nun mit Gerst ein Europäer die Leitung des in rund 400 Kilometer Höhe fliegenden Weltraumlabors übertragen bekam - und das erste Mal, dass ein Deutscher den prestigeträchtigen Titel trug. Für Gerst war es die Krönung seiner bisherigen Astronautenkarriere. "Wir sind hier für euch. Wir sind Eure Augen, um auf diesen schönen Planeten herunterzuschauen. Wir sehen Dinge, die sonst ungesehen bleiben würden. Manche gut, manche schlecht, manche alarmierend", wandte sich der Raumfahrer an die Menschen auf der Erde.

Tausende Mitarbeiter Die Kommandoübergabe an Gerst sei "ein sehr großer Vertrauensbeweis für die Partnerschaft zwischen Europäern und den anderen ISS-Nationen", lobte Pascale Ehrenfreund. Sie ist als Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zwar nicht Gersts Vorgesetzte - das ist ESA-Direktor Jan Wörner - wohl aber Chefin von 8.200 Mitarbeitern an 20 Standorten im Land, die sich zu einem guten Teil mit Raumfahrtforschung beschäftigen.

Walther Pelzer, im DLR-Vorstand zuständig für das Raumfahrtmanagement, betonte Deutschlands Rolle als "der stärkste europäische Partner der ISS". Man sei mit rund 40 Prozent europäischer Spitzenreiter bei der Nutzung der Raumstation. "Die Kommandoübergabe an Alexander Gerst ist deshalb auch vor diesem Hintergrund eine besondere Anerkennung seiner Leistungen." Tatsächlich dürfte ein Deutscher als ISS-Kommandant auf absehbare Zeit eine absolute Ausnahme bleiben. Ob Gerst überhaupt noch einmal ins All starten kann und wann der nächste deutsche Astronaut Matthias Maurer zu seinem ersten Flug kommt - bisher ist das unklar.

Schmales Budget Deutschland ist einerseits tatsächlich in Europa "die führende Nation bei der Finanzierung und der Technologie für die ISS", wie Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, sagt. Andererseits ist das Raumfahrtbudget in absoluten Zahlen gerechnet nicht gerade riesig. Europa insgesamt trägt nur gut acht Prozent der ISS-Gesamtkosten. Die werden auch nicht in bar bezahlt, sondern durch ein Tauschgeschäft: Statt Geld schicken die Europäer das bei Airbus in Bremen gefertigte "European Service Module" in die USA, einen Teil des "Orion"-Astronautentransporters der NASA.

Bei einem Ministerratstreffen im November müssen sich die ESA-Staaten - und damit auch Deutschland - entscheiden, welche Schwerpunkte sie in den kommenden Jahren im Weltraum setzen wollen. Wieviel Geld ist da, um den europäischen Beitrag an der ISS auch in Zukunft zu sichern? Wie geht es weiter mit der "Ariane"-Rakete, die angesichts der Billigkonkurrenz von US-Unternehmen wie SpaceX immer größere Probleme hat?

Und was ist am Mond geplant? Eine Beteiligung an US-Projekten wie dem "Gateway", einer Art Umsteigestation im Mondorbit? Oder doch lieber eine Landung mit Robotern? Insgesamt wendet Deutschland jedes Jahr rund 1,5 Milliarden Euro für die zivile Raumfahrt auf, bemannte und unbemannte Missionen zusammengerechnet. 56 Prozent des Geldes entfallen auf den deutschen Beitrag für die ESA, über die auch Astronauten wie Gerst zur ISS geschickt werden. Weitere 18 Prozent gehen in das nationale deutsche Raumfahrtprogramm - es umfasst rund 274 Millionen Euro im Jahr - und 26 Prozent in die Weltraumforschung im DLR.

Das Budget für Raumfahrt in den USA liegt bei 45 Milliarden Dollar. Rund die Hälfte davon entfällt auf die militärische Nutzung, etwa 21 Milliarden Dollar verbleiben aber bei der zivilen Weltraumbehörde Nasa. Im Vergleich dazu sind die deutschen Mittel Peanuts. Selbst Frankreich wendet mit 726 Millionen Euro deutlich mehr für sein nationales Programm auf als Deutschland.

"Wir brauchen jetzt mehr Schub, damit Deutschland in der Raumfahrt spitze bleibt", fordert deswegen Marco Fuchs. Er ist im Nebenberuf Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) und im Hauptberuf Chef des Bremer Satellitenbauers OHB.

Satellitentechnik Das Unternehmen ist ein Beispiel dafür, dass Deutschland im All durchaus vorn mitspielen kann. Laut BDLI liegt der deutsche Raumfahrtumsatz 2017 bei drei Milliarden Euro, auf OHB entfallen dabei 825 Millionen Euro (2017). Die Firma hat unter anderem 22 Satelliten gebaut, die für das europäische Navigationssystem Galileo im All unterwegs sind und fertigt weitere zwölf Exemplare.

Man ist wichtiger Partner für die europäisch-russische Rover-Mission "Exomars" und kooperiert mit dem israelischen Raumfahrtunternehmen IAI, das die erste private Mondmission zumindest im zweiten Anlauf zu einem Erfolg machen will. Auf den Mond hoffen auch andere deutsche Unternehmen. Nachdem die US-Regierung angekündigt hat, bis zum Jahr 2024 mit Menschen dorthin zurückkehren zu wollen, wäre die Industrie hierzulande gern dabei. Deutschland solle "zentraler Partner" der Amerikaner werden, fordert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und verweist auf die Erfahrungen beim Bau des "European Service Moduls".

Zukunftsmarkt Die Industrie hat ihre Sicht Ende Mai in dem 17-seitigen Grundsatzpapier "Zukunftsmarkt Weltraum" zusammengefasst. "Raumfahrtanwendungen sind für die deutsche Industrie von zentraler Bedeutung", sagt BDI-Präsident Dieter Kempf. Raumfahrt werde "zu einer kritischen Infrastruktur für das Industrieland Deutschland". Die Bundesregierung müsse das nationale Raumfahrtprogramm "mindestens auf das Niveau von Frankreich" anheben.

Bei einem Treffen in Meseberg haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident Emanuel Macron im Juni vergangenen Jahres Experten aus Politik und Industrie beauftragt, Vorschläge zu machen, wie die EU die richtigen Antworten geben könne "auf neue Herausforderungen in der Weltraumpolitik und Raumfahrtindustrie".

Diese Antworten stehen noch aus. Und die aktuell gültige Raumfahrtstrategie der Bundesregierung stammt aus dem Jahr 2010. Damals schickte SpaceX seine "Falcon 9"-Rakete gerade zu den ersten Flügen los. Inzwischen ist sie rund 70 Mal ins All gestartet - und mehr als 30 Mal wieder weich gelandet.

Der Autor ist Wissenschaftsredakteur bei "Spiegel Online".

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