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Claus Peter Kosfeld
»Wir können ohne Raumfahrt nicht mehr leben«

Zwei deutsche Frauen bewerben sich für eine Mission zur ISS und wollen damit ein Aufbruchsignal geben

Frau Randall, sie wollen 2020 zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Warum?

Wir wollen zur ISS, weil wir dort wissenschaftliche Experimente machen können. Die Anlagen sind dort schon vorhanden. Wir wollen also nicht einfach in einer Freifliegerkapsel nur ein paar Mal um die Erde kreisen. Einer der wesentlichen Gründe für die Langzeitmissionen auf der ISS ist, zu untersuchen, wie sich der menschliche Körper über einen längeren Zeitraum in der Schwerelosigkeit verhält. Damit soll die Grundlage geschaffen werden für Missionen zum Mars und zu weiter entfernten Planeten in der Zukunft.

Welche neuen Erkenntnisse versprechen Sie sich vom Aufenthalt im Weltall?

Unser Experimentalprogramm steht noch nicht genau fest. Wir werden uns aber sicher vor allem darauf konzentrieren, wie sich der weibliche Körper im Weltall verhält. Dabei geht es nicht nur darum, wie es auf einer Mars-Mission wäre, sondern auch um Erkenntnisse, die auf der Erde nutzbar sind. Muskel- oder Knochenschwund (Osteoporose) kann man im Weltraum im Zeitraffer beobachten und daraus Therapieansätze entwickeln.

Nur etwa zehn Prozent aller Raumfahrer weltweit waren bisher weiblich. Und nur sehr wenige Frauen im Weltall waren auf einer Langzeitmission. Wir wissen daher viel weniger über den weiblichen Körper in Schwerelosigkeit, als über den männlichen Körper. An die bereits vorliegenden Rohdaten aus anderen Missionen kommen wir in Deutschland nicht heran, nur an die veröffentlichten Studienberichte. Die Weltraumforschung soll aber nicht nur Männern zugutekommen, sondern auch Frauen.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass Sie als erste deutsche Frau ins Weltall gelangen könnten?

Der Grund für das Projekt "Astronautin" ist, dass wir ein weibliches Rollenbild in dem Job brauchen. Deutschland hat mit Steuergeldern elf Männer in den Weltraum geschickt und noch keine Frau. Das ist ein schlechtes Signal für Mädchen und Frauen, denen wir Mut machen wollen, in zukunftsträchtige Berufe zu gehen. Deutschland lebt vom technischen Fortschritt und gut ausgebildeten Männern und Frauen. Wir dürfen die Talente nicht verpassen.

Sie konkurrieren nach einem harten Auswahlverfahren unter mehr als 400 Anwärterinnen mit ihrer Kollegin Insa Thiele-Eich um den Startplatz. Wer wird denn am Ende fliegen?

Im Moment steht das noch alles in den Sternen. Wir sehen uns im Übrigen nicht als Konkurrentinnen, sondern als Kolleginnen, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, nämlich die Finanzierung für das Projekt zu sichern. Wir wollen dabei auch die Bundesregierung mit in die Verantwortung nehmen, um ein modernes Rollenmodell für junge Frauen zu ermöglichen.

Für ihr ISS-Projekt werden Kosten von 50 Millionen Euro veranschlagt, woher kommt das Geld?

Das Tagesgeschäft, also Training und Organisation, finanzieren wir über Auftritte, Vorträge, Spenden und Crowdfunding. Es gibt auch Kooperationen mit Firmen. Das sind aber kleine Beträge im Vergleich zu den Gesamtkosten. Mehr als 90 Prozent der notwendigen Mittel fallen für den Start an. Wir können also weiter trainieren, aber der Großteil des Geldes, um das Ticket ins All lösen zu können, fehlt noch.

Das heißt, die Mission kann auch noch platzen?

Ja klar. Wir bekommen viel Unterstützung in der Öffentlichkeit, aber wenn am Ende das Geld fehlt, müssen wir sagen, Deutschland hat es eben nicht geschafft, bis 2020 die erste deutsche Frau ins Weltall zu schicken. Wir meinen, die Bundesregierung sollte bei der Mission eine Mitverantwortung übernehmen, auch mit Geld. Die Amerikaner sind offener für kommerzielle Missionen, in Deutschland hören wir oft nur Bedenken.

Was haben die Bürger konkret von der Weltraumforschung?

Ob bemannt oder unbemannt über Satelliten: Wir können ohne Raumfahrt nicht mehr leben, Navigations- und Ortungssysteme sind nur ein Beispiel. Die gesamte Telekommunikation ist darauf ausgerichtet. Satelliten geben uns hochauflösende Bilder über verwüstete Erdregionen und ermöglichen Hilfe. In der Materialwissenschaft, bei Silikonen, Legierungen oder Computerchips werden Grundlagen im All erforscht. Unsere heutige Technologie wäre ohne die Forschung im Weltall nicht vorstellbar.

Was ist für Sie so faszinierend an der Vorstellung, ins Weltall zu fliegen?

Es ist ein Kindheitstraum von mir, Astronautin zu sein, die Erde von oben zu sehen. Wir wissen so wenig über den Weltraum, wir sind ja nicht weit vorgestoßen.

Claus Peter Kosfeld.

Suzanna Randall (38) forscht zur Evolution von Sternen und absolviert nebenher die Astronautenausbildung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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