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Investment
Sören Christian Reimer
»Die nächsten zehn Jahre sind von extremer Bedeutung«

Fondsgründer Sebastian Straube über die »New Space«-Szene und das Potenzial einer deutschen Mondbasis

Herr Straube, mit Ihrem Fonds wollen Sie 80 bis 100 Millionen Euro einsammeln, um in Weltraumfirmen zu investieren. Was ist Ihr Hauptargument, um potenzielle Geldgeber zu überzeugen?

Sebastian Straube: Der Markt hat ein hohes Wachstumspotenzial. Das Marktvolumen der Weltraumwirtschaft liegt aktuell bei zirka 400 Milliarden Dollar Jahresumsatz weltweit. Bis 2040 kann sich diese Summe verdreifachen. Es wird gerade ein Innovationsschub hervorgerufen, einerseits durch technologische Sprünge, andererseits durch neue Player im Markt. Es gibt auch neue kommerzielle Märkte, die es vorher so nicht gab. Das sieht man etwa gerade in den USA, wo neue Partnerschaftsmodelle zwischen der öffentlicher Hand und privaten Unternehmen entstehen. SpaceX zum Beispiel stellt mit seinen Raketen Transport- Dienstleistungen für die NASA und eine Vielzahl von privaten Kunden bereit.

Verfängt das Argument?

Die mentale Hürde, sich mit Weltraumwirtschaft auseinanderzusetzen, ist relativ hoch. Raumfahrt ist in der Wahrnehmung vieler ein staatliches und sehr kapitalintensives Geschäft. Die Mischung aus öffentlicher und privater Raumfahrt macht das Thema noch komplexer. Es ist noch nicht so richtig durchgedrungen, dass es nicht unbedingt nur diese schweren, teuren Raumfahrtprojekte sein müssen, sondern dass ganz neue Märkte entstanden sind, die durchaus in kurzer Zeit ein Return-on-investment bringen und vor allen auf Daten basierten Geschäftsmodellen beruhen. Deswegen wagen sich wenige an das Thema heran, um spezialisiertes Risikokapital bereitzustellen.

Sie hoben die USA hervor. Wie sieht es mit Europa und Deutschland aus? Ist die Region aus Investorensicht interessant?

Erster im Markt sind ganz klar die Vereinigten Staaten, auf dem zweiten Platz folgt Asien mit einer Sonderstellung von China. Europa hat enormes Potenzial. Dafür bedarf es aber einiger Anstrengungen seitens der Privatwirtschaft und der Politik. Wenn der Stillstand weiter anhält, werden Europa und Deutschland nur noch zusehen könne. Es bliebe nur die Rolle eines Zulieferers, Innovationsführung, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Nutzen würde für uns nicht mehr erreichbar sein.

Nun gibt es in Deutschland diverse "New Space"-Gründungen. Wie bewerten Sie die Szene im Vergleich zu den USA?

Man muss sich die Rahmenbedingungen vor Augen halten. Man kann nicht Äpfel mit sehr groß wachsenden Birnen vergleichen. Für softwarebasierte Geschäftsmodelle, etwa die Auswertung von Erdbeobachtungsdaten, mag es einen Markt geben. Aber ambitionierte hardwarebasierte Geschäftsmodelle umzusetzen ist sehr schwierig, wie die Insolvenz von PTScientists aus Berlin gerade zeigt.

Woran liegt das?

Wir müssen vom Konzept der kommerziellen Destinationen ausgehen. So haben die Amerikaner die Internationale Raumstation, die angeflogen werden kann. Um ihre Astronauten zur Destination zu bringen, brauchen sie einen verlässlichen und günstigen Zugang ins All. Das ermöglicht eine Liefer- oder Logistikkette und damit Unternehmen wie SpaceX. Das haben wir hier nicht. Deutschland braucht zudem neue Wege innerhalb und wohl auch außerhalb des Konstrukts der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Es würden sich große Möglichkeiten bieten, wenn wir Mittel umleiten und für Start-ups in Deutschland zu Verfügung stellen würden und zum Beispiel sagten: Lasst uns doch mal versuchen, eine privat-öffentlich betriebene Mondstation zu entwickeln.

Sie fordern eine deutsche Mondbasis?

Europa braucht eine eigene Destination im All, das würde die Dynamik total verändern. Die nächsten zehn Jahre sind in Sachen Raumfahrt von extremer Bedeutung und Relevanz. Die Amerikaner und zunehmend auch die Chinesen laufen uns wirklich davon. Wir brauchen daher ein großes ambitioniertes Infrastrukturprojekt auf dem Mond. Das muss von privater Hand angestoßen und finanziert werden, aber mit Unterstützung der öffentlichen Hand. Das Forschungsministerium könnte zum Beispiel Abnahmegarantien für Module in der Station abgeben, um sie dann an Universitäten weiterzugeben. Aber für solche ambitionierten Themen fehlen im Moment der politische Wille und die politische Orientierung in Deutschland.

Die Bundesregierung plant, ein Weltraumgesetz vorzulegen. Welche Bedeutung spielt das in diesem Kontext?

Ein Weltraumgesetz bringt natürlich eine gewisse Rechtssicherheit. Aber eigentlich kann ein solches Gesetz nur Beiwerk einer nationalen Raumfahrtstrategie sein, deren Ziel es sein muss, sich eine Vormachtstellung in der internationalen Raumfahrtindustrie zu sichern. Dazu braucht es aber ein Bewusstsein in der Politik für die eigene Verantwortung. Die Rolle des Bundes muss neu gedacht werden: Durch direkte, innovative Beschaffung kann das "New Space"-Ökosystem zum Laufen gebracht werden. Deutschland und Europa haben jetzt - aber auch nur jetzt - die Gelegenheit, diesen neuen, riesigen und, ehrlich gesagt, wichtigsten Wirtschaftsraum mit anzuführen und nach unseren Zielen und Werten zu prägen.

Das Gespräch führte Sören Christian Reimer.

Sebastian Straube ist Gründer des in Berlin ansässigen Wagniskapital-Fonds "Interstellar Ventures", der sich auf "New Space"-Start-ups konzentriert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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