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Christoph Seidler
Fliegende Schätze im Weltraum

Die USA und Luxemburg arbeiten an einer gemeinsamen Strategie, um eines Tages die Ressourcen des Alls gewinnbringend zu nutzen

Auf den ersten Blick sind es zwei ziemlich ungleiche Partner, die sich da im Mai dieses Jahres zusammengetan haben. Auf der einen Seite die USA, seit Jahrzehnten eine mal-mehr-mal-weniger Weltraumgroßmacht, die mehr als 330 Astronauten ins All gebracht hat, dazu zahllose Forschungssonden, die bis in den hintersten Winkel unseres Sonnensystems vorgedrungen sind. Und auf der anderen Seite Luxemburg, einstweilen ganz ohne eigene Raumfahrer und überhaupt erst seit September 2018 im Besitz einer Weltraumagentur.

Sein Land nehme im Weltall mehr Raum ein als auf der Erde, scherzte Luxemburgs Wirtschaftsminister Etienne Schneider beim Besuch seines US-Kollegen Wilbur Ross. Und das ist, wenn man so will, auch der Grund, warum der Emissär aus Washington überhaupt nach Europa gekommen war. Denn sowohl Luxemburg als auch die USA interessieren sich für die Rohstoffförderung im Weltraum und haben bereits nationale Gesetze zum Thema beschlossen. Schneider und Ross unterzeichneten dazu nun noch eine Kooperationsvereinbarung.

Der erste Billionär der Weltgeschichte werde jemand sein, der Rohstoffe auf Asteroiden abbaut, so hat es der US-Astrophysiker Neil deGrasse Tyson einmal formuliert. Es geht um Eisen und Nickel, um Zink, Mangan und Kobalt, um Gold, Platin, Rhodium und Seltene Erden. Und es geht um Wasser, das - in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten - als Raketentreibstoff eingesetzt werden kann.

Geschürft werden könnte auf zahllosen Asteroiden, die vor allem zwischen den Planeten Mars und Jupiter ihre Bahnen ziehen. Interessant ist das, weil auf manchen Exemplaren die Erzgehalte deutlich höher sind als auf der Erde - weil nicht wie auf der Erde der größte Teil des Metalls im Kern des Himmelskörpers gebunden ist. Wasser wiederum ließe sich womöglich auch auf dem Mond fördern, wo etwa in den dauerhaft schattigen Kratern am Südpol größere Mengen Eis liegen sollen.

Noch zu teuer Einerseits gibt es Rohstoffabbau im All bisher nur in Hollywoodfilmen wie "Avatar". Die nötigen Investitionen stehen bei den aktuellen Rohstoffpreisen nicht ansatzweise im Verhältnis zu den realisierbaren Gewinnen. Andererseits könnte sich das Geschäftsfeld im Laufes des Jahrhunderts womöglich doch, wie von deGrasse Tyson vorhergesagt, zu einem gigantischen Markt entwickeln.

Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens, weil manche Rohstoffe auf der Erde knapp werden könnten und zweitens, weil Ressourcen für eine - zumindest von manchen Visionären wie Elon Musk oder Jeff Bezos angedachte - Kolonisierung des Weltalls am besten auch dort hergestellt werden. Bis heute ist es schließlich extrem teuer, Lasten von der Erde in den Weltraum zu transportieren - weil jede Rakete sich erst mit großen Treibstoffverbrauch gegen das Schwerefeld unseres Planeten durchsetzen muss. Da wäre es doch praktisch, Ressourcen für den Einsatz im All auch einfach dort herzustellen. Zumindest in der Theorie. Hinzu kämen Umwelterwägungen: Wenn der Ressourcenabbau im tiefen Weltraum dafür sorgen würde, dass Vorkommen auf der Erde unangetastet bleiben, könnte das vorteilhaft sein.

Bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe geht man davon aus, dass der Bergbau im All mit dem Ziel, Rohstoffe zur Erde zu bringen, wohl erst in 50 bis 100 Jahren wirtschaftlich zu betreiben wäre. Die Nutzung von Ressourcen für die direkte Verwendung im All könne dagegen schneller vonstattengehen.

In Europa haben sich die Luxemburger seit einigen Jahren als Vorreiter für die Entwicklung des Weltraumbergbaus in Szene gesetzt. Die Regierung erinnert gern daran, wie das Land bereits in den 1980er Jahren auf das heute sehr profitable Geschäft mit Kommunikationssatelliten gesetzt habe.

Beim Weltraumbergbau könnte das allerdings schwieriger vorangehen als zunächst gedacht. Zwar hat Luxemburg mit öffentlichem Geld US-Unternehmen wie Planetary Resources und Deep Space Industries ins Land geholt. Doch beide Firmen hatten in der Folge mit massiven Finanzproblemen zu kämpfen und konnten ihre Versprechungen nicht einhalten.

Aber vielleicht ist es auch einfach nur zu früh. Denn auch die deutsche Wirtschaft glaubt an die langfristigen Verheißungen der kosmischen Rohstoffe. "Der Weltraumbergbau nimmt Fahrt auf", heißt es etwa beim Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Wirtschaft macht sich auch dafür stark, dass die Bundesregierung ein spezielles Weltraumgesetz erlässt, in dem zum Beispiel Haftungsfragen geregelt werden. Auf internationaler Ebene solle sich die deutsche Politik für Regelungen zum Eigentum stark machen. Das Bundeswirtschaftsministerium will bis zum Herbst einen ersten Entwurf für dieses Weltraumgesetz vorstellen.

Bisher, so steht es im Weltraumvertrag der Vereinten Nationen von 1967, ist es im Grundsatz nicht möglich, dass einzelne Staaten Eigentum an einem Himmelskörper erwerben. Womöglich, so interpretieren es jedenfalls manche Völkerrechtler und Politiker, ist es aber sehr wohl zulässig, dass Privatfirmen Bodenschätze im All nutzen - und dabei Eigentümer der abgebauten Ressourcen sein können. Hier wird zum Beispiel von den Luxemburgern gern das Bild eines Kutterkapitäns auf den Weltmeeren bemüht: Der könne ja schließlich auch seine Netze mit Fisch füllen, der ihm dann auch gehöre, ohne dass er Anspruch auf den Besitz des Ozeans erhebe.

"Während andere große Nationen solche Themen angehen und sich anschicken, daraus ein Geschäft zu machen, müssen in Deutschland immer erst Ethikkommissionen eingesetzt werden", hat der frühere Airbus-Chef Tom Enders im vergangenen Herbst gespöttelt. "Ich kann nicht erkennen, was daran unethisch sein soll, auf irgendwelchen Felsbrocken im Weltall Bodenschätze zu nutzen", so Enders. Doch tatsächlich haben sich internationale Forscher kürzlich dafür ausgesprochen, sich auf Regeln gegen einen ungezügelten Weltraumbergbau zu einigen.

Im Wissenschaftsmagazin "Acta Astronomica" präsentierten die Wissenschaftler Martin Elvis vom Smithsonian Astrophysical Observatory in Cambridge und Tony Milligan vom King's College in London ihre Pläne für eine Art gigantisches kosmisches Schutzgebiet. In diesem sollten 85 Prozent des Sonnensystems vor Weltraumbergbau bewahrt werden. Die Fähigkeit der Menschen sei begrenzt, "Probleme vorherzusehen, bevor die Dinge weit fortgeschritten sind", so Milligan. Daher sei es wichtig, rote Linien für das Schürfen im All festzulegen.

Der Autor ist Wissenschaftsredakteur bei "Spiegel online".

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