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KULTUR
Alexander Weinlein
Im Erbstreit

Deutschland diskutiert über den Umgang mit Kulturgütern aus der Kolonialzeit - und das Humboldt-Forum

Mitunter wiederholt sich Geschichte eben doch - und dies im Abstand von nur wenigen Jahren. Ende Februar 2012 löste der sogenannte Schwabinger Kunstfund in Politik, Gesellschaft und Fachwelt eine heftige Diskussion über den angemessenen Umgang mit Kunstwerken aus, die zwischen 1933 und 1945 ihren meist jüdischen Besitzern von den Nationalsozialisten geraubt oder abgepresst worden waren, und heute in staatlichen und auch privaten Sammlungen zu finden sind. Neu war die Diskussion nicht, schließlich hatte sich Deutschland bereits mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung von 1998 dazu verpflichtet, die während der NS-Zeit beschlagnahmten Werke als Raubkunst zu identifizieren, deren ursprünglichen Eigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine "gerechte und faire Lösung" zu finden, sprich die Werke zu restituieren oder eine andere Regelung in beiderseitigem Einverständnis zu finden. Trotzdem schlug der Fall der Sammlung Gurlitt öffentlich hohe Wellen.

Die Politik reagierte: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) verlieh dem Thema Priorität auf ihrer Agenda, der Bundestag bewilligte Gelder für Provenienzforschung, die Museen in staatlicher Hand wurden eindringlich gemahnt, ihre Bestände auf NS-Raubkunst zu durchforsten. Ein mitunter mühseliges und akribisches Geschäft, aber eine "moralische Verantwortung" Deutschlands.

Nur wenige Jahre später erlebt Deutschland eine Wiederholung dieser Diskussion. Doch diesmal holt die Deutschen ein Kapitel ihrer Geschichte ein, dass sie als längst erledigt glaubten - die Kolonialzeit. Konkret geht es um Kulturgüter aller Art, aber auch menschliche Knochen, die im Zeitalter des Kolonialismus ihren Weg in die Museen und Sammlungen Deutschlands fanden. Und dies in vielen Fällen auf eine Art, die berechtigte Zweifel an ihrem rechtmäßigen oder zumindest moralisch vertretbaren Erwerb zulassen. So wie etwa jene Benin-Bronzen, die von britischen Soldaten während eines Kriegszuges 1897 geraubt worden waren und schließlich an Sammler aus aller Welt verkauft wurden.

Ausgelöst worden war die Diskussion über den Umgang mit dem Erbe der Kolonialzeit zum einen mit der Errichtung des Humboldt-Forums einschließlich der rekonstruierten Fassaden des Berliner Stadtschlosses. Dort soll die Sammlung des Ethnologischen Museums ausgestellt werden, die lange Zeit eher ein Schattendasein in Dahlem gefristet hatte. Für weiteren Zündstoff in der hoch emotionalisierten und moralisch aufgeladenen Debatte sorgte die Ankündigung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Afrikas kulturelles Erbe dürfe nicht länger nur in Europas Museen zu besichtigen sein.

Es verwundert nicht, dass der Kulturjournalist Moritz Holfelder in seiner lesenswerten "Streitschrift zur kolonialen Debatte" einfordert, ein internationales Abkommen über den Umgang mit kolonialer Raubkunst nach den Grundsätzen des Washingtoner Erklärung auf den Weg zu bringen. Es ist eine von sieben Vorschlägen, die der Autor für den prinzipiellen Umgang mit dem kolonialen Erbe unterbreitet. Dafür bedürfe es auch mehr als nur die Erforschung der Provenienz und die Rückgabe von Kulturgütern. Dazu gehöre ebenso eine breitere Wissensvermittlung über die Herkunftsgesellschaften der Kulturgüter, eine Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte insgesamt, den Umbau von Ethnologischen Museen zu "Orten für historische Reflexion", das Ende einer europäischen Deutungshoheit über die Vergangenheit und ein neues Bewusstsein für das kulturelle Welterbe abseits der Begrifflichkeiten von Besitz und Eigentum.

Ebenso zur Lektüre zu empfehlen ist Glenn Pennys "tragische Geschichte der deutschen Ethnologie". Der amerikanische Spezialist für die Beziehungen zwischen Deutschland und den nicht-europäischen Kulturen schwingt sich zu einer Art Ehrenrettung für die in der Diskussion um das koloniale Erbe viel gescholtenen Völkerkundler/Ethnologen wie Adolf Bastian und Felix von Luschan auf, deren ausgeprägter Sammlerwut das Ethnologische Museum Berlin seine beeindruckenden Sammlung mit rund 500.000 Objekten verdankt. Trotz Verstickung in den Kolonialismus seien sie eben keine Rassisten gewesen wie viele ihrer Zeitgenossen. Pennys differenzierter Blick auf die Denk- und Sichtweisen des 19. und 20. Jahrhunderts ist wohltuend in einer mitunter hystherischen Diskussion. Am Ende kommt aber auch er zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen wie Holfelder.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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