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Aschot Manutscharjan
Kurz Rezensiert

Andreas Reckwitz ist sich sicher: Der Krise des Liberalismus liegt ungeachtet der Krim-Annexion durch Russland und andere Konflikte keine "sicherheitspolitische Komponente" zugrunde. Tatsächlich vollziehe sich ein tektonischer Strukturwandel in den politischen und kulturellen Sphären der postindustriellen Gesellschaft selbst, wie der renommierte Soziologe, Philosoph und Kulturwissenschaftler betont. Die Ursachen verortet er in der Globalisierung der Wirtschaft und dem technologischen Wandel. Die zunehmende "Kulturalisierung" aller Lebensbereiche habe eine Gesellschaft der Singularitären und damit die Herausbildung einer neuen Mittelklasse evoziert.

Laut Reckwitz leben wir im Zeitalter der "Spätmoderne"; dies habe die liberale politische Klasse jedoch lange nicht erkannt. "Die Gewichtsverschiebung der Erwerbstätigkeit von der Industrie hin zu den polarisierten Dienstleistungen ist ebenso eine Realität wie der Aufstieg des kognitiv-kulturellen Kapitalismus mit seiner Wissensarbeit, der Kulturalisierung und Singularisierung der Güter und seiner extremen Marktstrukturen." In der postindustriellen Zeit sei diese Art von Kapitalismus keine "Abweichung vom Pfad" der Industrieökonomie, "sondern deren Nachfolger; er ist der expansivere, der extremere Kapitalismus".

Der Leibniz-Preisträger der DFG empfiehlt der Politik, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu schließen. Die sozialen Ungleichheiten und die wachsenden Missverhältnisse zwischen den prosperierenden Metropolregionen und den stagnierenden ländlich-kleinstädtischen Räumen sei eine "zentrale Herausforderung". Auch angesichts der ökologischen Probleme müsse der Fortschritts-Begriff, der uns "seit der Aufklärung als Maßstab der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung dient", im 21. Jahrhundert revidiert werden. Nach der Lektüre seines Buches darf man sich gespannt auf den nächsten großen Wurf von Andreas Reckwitz freuen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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