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Parlamentarisches Profil
Peter Stützle
Der Bahn-Enthusiast: Matthias Gastel

A ls Matthias Gastel aus Filderstadt bei Stuttgart 2013 erstmals für die Grünen in den Bundestag gewählt wurde, war er schon 20 Jahre Kommunalpolitiker. Diese Erfahrung komme ihm sehr zugute, sagt der 48-Jährige. Da sei das Wissen, dass man politische Mehrheiten gewinnen muss, um etwas zu bewirken. Da sei der "sehr enge Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern, der mir auch jetzt als Bundespolitiker sehr wichtig ist". Auch wisse er, wie sich "gerade Verkehrsthemen sehr häufig auf der kommunalen Ebene auswirken". Und: "Die Sicherung der Mobilität, ohne die Umwelt kaputt zu machen, ohne das Klima zu ruinieren, ohne die Gesundheit der Menschen zu gefährden, war mein Thema in der Kommunalpolitik und ist es auch jetzt in der Bundespolitik."

Nötig sei der "Umstieg von der Straße auf die Schiene überall, wo es geht", sagt der bahnpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion. "Und dazu brauchen wir handlungsfähige Bahnunternehmen, dazu brauchen wir eine leistungsfähige Schienen-Infrastruktur." Für Letztere sei der Bund verantwortlich und der habe über Jahrzehnte falsche Entscheidungen getroffen, beklagt Gastel. "Besonders falsch unter den letzten Verkehrsministern von der CSU, unter denen immer mehr Geld in den Straßenaus- und -neubau geflossen ist und die Mittel für die Schiene knapp gehalten wurden." Erfolgreiche Bahnländer wie die Schweiz und Österreich investierten hier pro Kopf wesentlich mehr. Da die Bahn bereits mit 20 Milliarden Euro verschuldet sei, könne sie die nötigen Verbesserungen nicht selbst finanzieren.

Allerdings sei "mit Geld nicht alles zu heilen". Bei der Deutschen Bahn müssten die Strukturen "auf das eine Ziel ausgerichtet werden, Personen und Güter pünktlich und verlässlich zu befördern und zwar in steigender Menge und in steigenden Anteilen gegenüber LKW und Flugzeug". In einem Konzern mit 700 Tochterunternehmen und Beteiligungen werde das nicht funktionieren, ist Gastel überzeugt. "Dieser Konzern ist viel zu schwerfällig, er ist kaum zu lenken und noch dazu kaum kontrollierbar." Konzernteile, die nicht diesem einen Ziel dienten, gehörten deshalb abgestoßen. Dieser "alten Forderung" der Grünen näherten sich inzwischen andere Fraktionen an, stellt Gastel im Blick auf einen entsprechenden Antrag der FDP fest.

Weiterhin fordert Gastel, die drei Infrastruktursparten Netz, Stationen und Energie innerhalb der Deutschen Bahn zu einer Infrastruktur-Sparte zusammenzufassen. Darüberhinaus "stehen wir Grüne aber auch zu der Forderung nach Trennung von Infrastruktur und Verkehr". Mit einer bundeseigenen Infrastrukturgesellschaft könne man "auf einen Teil der sehr bürokratischen und komplizierten Regulierung verzichten, die so lange erforderlich ist, wie die Infrastruktur unter dem Dach der Deutschen Bahn ist, also des Unternehmens, das auch im Wettbewerb auf dem Schienennetz unterwegs ist". Die Lufthansa betreibe auch keine eigenen Flughäfen, sondern der Staat, "und dann findet der Wettbewerb auf den Flughäfen statt zwischen den verschiedenen Airlines".

Mit einem schwäbischen Politiker kann man nicht über die Bahn reden, ohne auf das Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21" zu kommen. Die Grünen waren immer dagegen, aber der Forderung der Linken nach einem Ausstieg schließen sie sich nicht mehr an. Die Bürger hätten sich in einem Volksentscheid dafür entschieden, der Bau sei zu weit fortgeschritten, und eine komplette Neuplanung dauere viel zu lange, konstatiert Gastel. Er fordert stattdessen, dass der Bund die Finanzierung der Mehrkosten in Milliardenhöhe übernimmt, statt dass der Streit vor Gericht entschieden werden muss. Zudem solle die Kapazität des Bahnhofs erweitert werden, was jetzt noch möglich sei.

Matthias Gastel, man merkt es ihm an, betreibt Bahnpolitik mit Leidenschaft. Und wenn er sich mal nicht mit Politik beschäftigt? "Dann mache ich gerne Sport, Laufen und Radfahren, draußen in der Natur sein. Und mich mit Leuten treffen, mit denen man nicht ausschließlich über Politik redet."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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