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Gastkommentare - Pro
Heike Holdinghausen, "die Tageszeitung" Berlin
Zu viele Ansprüche

Weniger Wald bewirtschaften?

M it der Einsicht, dass die Menschheit ihr "fossiles Zeitalter" angesichts des Klimawandels beenden muss, steigen die Ansprüche an den Wald. Holz soll Beton beim Bauen und Plastik im Supermarkt ersetzen, Holzpellets ermöglichen nachhaltiges Heizen, und interessiert schaut die Chemie-Industrie auf Holzbestandteile wie Lignin als Erdölersatz der Zukunft. Einzeln betrachtet mögen all diese Anwendungen sinnvoll sein. Zusammen genommen überfordern sie den Wald. Sie missachten seine Funktion als Kohlenstoffsenke - die nur ein intakter Wald mit gesundem Boden wahrnehmen kann - und seine Funktion als Rückzugsgebiet für Pflanzen, Tiere und Pilze.

In einem intakten Wald arbeiten sie in einem komplexen, lebendigen System zusammen, das wir gerade erst anfangen, zu verstehen. So viel aber ist klar: Es gehorcht nicht den Regeln eines Forstbetriebes, der am Ende des Geschäftsjahres einen Gewinn verbuchen muss. Bei künftigen forstpolitischen Strategien muss es darum gehen, auch dem Wald selbst Rückzugsgebiete zu erhalten. In ihrer Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt von 2007 hatte sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, bis ins Jahr 2020 fünf Prozent der Waldflächen einer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Geschafft hat sie nicht mal drei Prozent. Wer aber das Klima und die Biodiversität schützen möchte, überlässt den Wald großflächig sich selbst. Selbstverständlich muss die Allgemeinheit sich an den Kosten dafür beteiligen.

Doch können wir auf den Öko-Rohstoff Holz in Zeiten der Klimakrise verzichten? Ja, durch weniger Konsum. Unseren Lebensstil beizubehalten und dabei nur fossile Rohstoffe durch erneuerbare zu ersetzen, ist sowieso keine gute Idee.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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