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klimawandel
Manfred Kriener
Im Schwitzkasten

Der deutsche Wald ist in Teilen schwer geschädigt und muss klimafest gemacht werden

Die deutschen Wälder sind in einem erschreckenden Zustand. Nach zwei Trockenjahren in Folge, nach Dürren, Stürmen, Waldbränden und der großflächigen Invasion des Borkenkäfers haben die Waldschäden historische Dimensionen erreicht. Entsprechend heftig fallen die Zustandsbeschreibungen aus. Die Forstminister in den unionsgeführten Bundesländern sprechen in ihrer Moritzburger Erklärung von einer "katastrophalen Situation nationalen Ausmaßes", die Arbeitsgemeinschaft der Waldbesitzer (AGDW) erkennt gar eine "Jahrhundertkatastrophe". Hubert Weiger, langjähriger Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz, sieht den Wald in einer "existenziellen Krise". Drohnenaufnahmen aus der Luft zeigen Bilder, die man bei uns bisher nicht gesehen hat: In der fränkischen Marktgemeinde Baudenbach sieht man großflächig aneinander gereihte Baumskelette. Verdurstete Kiefern soweit das Auge reicht.

Großflächig geschädigt Aber auch andere Baumarten litten unter den beiden Dürrejahren, die mit Rekordtemperaturen und geringen Niederschlägen die Wälder unter Trockenstress setzten. Neben den Kiefern sind auch Fichten, Buchen, Birken und Eichen teilweise großflächig geschädigt oder abgestorben. Eigentlich sind alle Baumarten, Nadel- und Laubbäume mehr oder weniger betroffen. Forstexperten, Umweltaktivisten und Politiker sind sich einig: Die Erderwärmung durch das veränderte Klima hat die Bäume in den Schwitzkasten genommen, die Wucht des Klimawandels ist in den Wäldern angekommen.

Immer neue Zahlen dokumentieren milliardenschwere Schäden. Rund 70 Millionen Festmeter Schadholz seien in den beiden Krisenjahren angefallen, bilanziert die AGDW. 180.000 Hektar Wald sollen irreparabel geschädigt sein. Allein die Kosten zur Beräumung der Schäden beziffert der Waldbesitzerverband auf 2,1 Milliarden Euro. Die Waldschäden haben zu einem Überangebot an Holz geführt und die Preise in den Keller sausen lassen. Ein Großteil der gefällten Bäume liefert zudem schlechte Holzqualitäten, die für die Möbelindustrie nicht zu gebrauchen sind. Das sorgt für eine Halbierung der Erträge. Union und SPD sprechen in ihrem Antrag "Unser Wald braucht Hilfe" (19/11093) von existenzbedrohenden Verlusten. Bund und Länder wollen mit 800 Millionen Euro erste Nothilfe leisten. Der alarmierende Zustand der Forste ruft uns eindringlich die herausragende Bedeutung des Walds in Erinnerung. Der ist mehr als die "verlockend rauschende Außenseite der Holzfabrikation", wie der Dichter Robert Musil spottete, und auch mehr als nur die schöne Kulisse für Sonntagsspaziergänge.

Komplexes Ökosystem In Deutschland sind 11,4 Millionen Hektar bewaldet (siehe Artikel unten), das entspricht rund einem Drittel der Landfläche. Im Schutz der Baumkronen hat sich, wie es in einer Veröffentlichung des Landwirtschaftsministeriums zum Kulturerbe Wald heißt, ein vielschichtiges, komplexes Ökosystem aus zahlreichen Pflanzen, Tieren und Kleinorganismen entwickelt, das lebenswichtig ist und uns mit Holz, frischer Luft und sauberem Wasser versorgt. Wälder sind zudem ein Hotspot der biologischen Vielfalt, der für Flora und Fauna Lebensraum, Nahrung und Schutz bietet. Er sorgt für ein schönes Landschaftsbild, lädt zur Erholung ein und ist zugleich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Forstwirtschaft, aber auch für den Tourismus. Doch darüber hinaus ist der Wald vor allem der wichtigste Klimaschützer. Dass ausgerechnet er nun so heftig von den Folgen der Klimaveränderung geschüttelt wird, ist umso tragischer.

Kohlenstoffspeicher Bäume sind, wie auch andere Pflanzen, fleißige Fotosynthese-Maschinen, die Sonnenlicht und Kohlendioxid aus der Luft in Blattwerk, Wurzeln und Holz umwandeln. Damit bilden unsere Wälder einen gigantischen Kohlenstoffspeicher. Auch die Waldböden bergen gewaltige Mengen an Kohlenstoff.

Der deutsche Wald entlastet die Atmosphäre um rund 60 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Für den Klimaschutz ist es deshalb essentiell, dass unsere Wälder vital und gesund bleiben. Dazu braucht es, da sind sich auch die politischen Parteien weitgehend einig, ehrgeizige Aufforstungsprogramme.

Der Wald kann nicht davonlaufen", sagt Hubert Weiger. Also muss er klimagerecht umgebaut werden, um künftige Hitze- und Dürreperioden besser zu überstehen. Der Waldumbau steht schon seit einigen Jahren auf der forstwirtschaftlichen Agenda. Er ist aber ein Langzeitprojekt, Bäume wachsen nicht im Akkord.

Fichtendominanz Dem Waldumbau werden vor allem Nadelmonokulturen aus Fichten und Kiefern zum Opfer fallen, die wegen ihres schnellen Wachstums bevorzugt worden sind. Ganz besonders steht die Fichte im Fokus, deren Anbaurisiken sich von Jahr zu Jahr erhöhen. Sie steht auf rund einem Viertel der Waldflächen und ist damit die häufigste Baumart in unseren Wäldern. Natur- und Umweltverbände kritisieren die Fichtendominanz schon seit langem.

Wie keine andere Baumart ist die Fichte als flachwurzelnder Nadelbaum besonders anfällig für Durststrecken durch längere Hitzeperioden, aber auch für Stürme. Gegenwärtig weisen fast drei Viertel aller Fichten Kronenschäden auf, sie sind vom Klimawandel besonders stark angeknockt, entsprechend hoch war zuletzt ihr Anteil am Schadholzeinschlag.

Die Reduzierung der Fichtenbestände hat zwar schon begonnen, sie kommt aber nur schleppend voran, wie das Umweltbundesamt bilanziert. Ulrich Kohnle von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg sieht bis zur Jahrhundertmitte nur noch vier Prozent der deutschen Waldflächen als "fichtengeeignet" an. In den wärmeren, tiefer gelegenen Regionen wird der Brotbaum der Forstwirtschaft wohl ganz verschwinden. Für Aufforstungs- und Umbaumaßnahmen empfehlen Forstwissenschaftler unisono mehr Laub- und mehr Mischwälder. So kann das Risiko auf verschiedene Baumarten verteilt werden. Unter den Nadelbaumgewächsen gilt die Douglasie als geeignete Alternative, weil sie Wärme und Trockenheit besser toleriert. Aber auch ein Switch auf Laubbäume wie die klimastabilere Buche oder den Bergahorn wird empfohlen, um widerstandsfähigere Bestände zu bekommen. Der Wald müsse naturnäher werden, um seine Resilienz zu stärken, heißt es.

Umweltrevolution Für viele Beobachter ist der alarmierende Zustand der Wälder ein Déjà-vu. Das erste, in den 1970er Jahren einsetzende Waldsterben hatte allerdings andere Ursachen. Vor allem der saure Regen und die Autoabgase hatten den Wäldern zugesetzt.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) verkündete 1983 im Bundestag: "Die Schäden in unseren Wäldern sind dramatisch. Gelingt es uns nicht, diese Wälder zu retten, wäre die Welt nicht mehr wiederzuerkennen." Dem kranken Wald war es zu verdanken, dass in den 1980er Jahren eine Umweltrevolution begann. Kraftwerke wurden entschwefelt, das Benzin wurde bleifrei, die Autos bekamen mit dem Katalysator eine wirkungsvolle Windel verpasst, und die Umweltbewegung verschaffte sich Gehör bis in die Machteliten hinein. So wurde der kranke Wald zum Taktgeber der Umweltpolitik. Gegen den sauren Regen und die Abgase aus Schloten und Auspuffrohren konnte gezielt interveniert werden. Die Veränderung unseres Klimas erfordert dagegen neben Maßnahmen zum Klimaschutz weitgehende Anpassungsleistungen der Forstwirtschaft, um die Wälder möglichst klimafest zu machen.

Emotionale Beziehung Dass der Wald in unserem Land eine besondere emotionale Bedeutung hat, ist unbestritten. Keine andere Nation hat ein ähnlich aufgeladenes Verhältnis zum grünen Tann wie die Deutschen. Das beginnt in ihrem Sagen- und Märchenschatz, wo Räuber und böse Wölfe im Wald hausen, die Großmütter und Mädchen mit roten Käppchen fressen, wo Geschwisterpaare sich verlaufen und in die Fänge von Hexen geraten. Das schreibt sich in der Literaturgeschichte fort: Waldeinsamkeit, Waldeslust und Waldgefühle versammeln sich in schwermütigen Gedichten. Ob Stifter, Rilke, Eichendorff oder Jünger: Stets stehen Bäume majestätisch im geheimnisvollen Wald, bieten Schutz und Augenschmaus, Wildnis und Naturerleben. Die mythische Überhöhung der Baumreihen in Liedgut, Prosa und Malerei erreichte ihren Höhepunkt in der Romantik.

Auch heute noch lieben die Deutschen ihren Wald. Rund 40 Prozent der Menschen gehen einmal die Woche irgendwo in ein Stück Wald, um Ruhe und Erholung zu suchen. Die Waldwanderer seien etwas fauler geworden, sagen Wissenschaftler, doch der Wald ist und bleibt ein grüner und ruhiger Schutzraum gegen eine hektische und verrückte Welt. Dass dieser Wald jetzt erneut in einer ernsthaften Krise steckt, hat nicht nur die politischen Parteien aufgeschreckt. Zugleich ist der Wald der wohl wichtigste Bioindikator. Er ist die Warnlampe auf unserem Display, die anzeigt, dass die Veränderung unseres Klimas nunmehr ihren Tribut fordert.

Der Autor ist Umweltjournalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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