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STAATSBÜRGERSCHAFT
Susanne Kailitz
»Mir erschien das einfach zu unberechenbar«

Viele EU-Ausländer sorgen sich um ihre künftigen Rechte in Großbritannien

Seit 26 Jahren lebt Christiane Read in Großbritannien. Die gebürtige Thüringerin hat hier drei Söhne bekommen und arbeitet als Lehrerin an einer internationalen Schule. Darüber, mit welchem Status sie in ihrer Wahlheimat lebt, hat sie immer mal wieder nachgedacht: "Aber wir hatten nie die 2.000 Pfund übrig, die es kosten würde, die britische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Und es hat ja auch nie wirklich eine Rolle gespielt." Das Umdenken kam vergangenes Jahr mit der Wahl Boris Johnsons zum britischen Premierminister. "In dem Moment war der Gedanke da: Ich sollte das doch machen. Mir erschien das einfach zu unberechenbar."

Zwar hat die britische Regierung nach dem Brexit-Referendum immer wieder betont, dass auch nach dem Ausstieg aus der Europäischen Union deren Bürger im Land willkommen seien und jeder, der bisher im Vereinigten Königreich gelebt habe, dies auch nach der am 31. Dezember 2020 endenden Übergangsphase tun dürfe. Nach den bisherigen Regeln können EU-Ausländer bis zum 30. Juni 2020 den sogenannten "Settled Status" beantragen, der ihnen Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, dem Arbeitsmarkt, dem öffentlichen Gesundheitssystem und Schulen gewährt. Auch wer einen Job antreten oder eine Wohnung anmieten will, braucht diese Aufenthaltsgenehmigung. Rund 3,6 Millionen EU-Bürger leben in Großbritannien, darunter etwa 300.000 Deutsche, wie Experten schätzen. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Verwaltung kein Einwohnermelderegister führt.

"Wir sollen die gleichen Rechte haben wie vorher", sagt Christiane Read, "aber ich bin mir da nicht so sicher. Man sieht ja jetzt in der Corona-Krise, wie überlastet das Gesundheitssystem ist. Wer weiß, was daraus noch wird." Bis zur Wahl Johnsons habe sie immer noch gehofft, "dass die Vernunft siegt", inzwischen halte sie aber alles für möglich - viel zu unvorbereitet sei der Premier ins Amt gestolpert. Er habe es zu seinem Anliegen gemacht, die Einwanderung zu reduzieren, und den Ausländern im Land immer wieder suggeriert, sie seien nicht willkommen. Sie habe deshalb entschieden, sich nun doch um die britische Staatsbürgerschaft zu bemühen. Nach Deutschland zurückzugehen, das komme nicht in Frage. "Aber ich möchte hier auch ruhig leben können, wenn ich 70 bin."

Der Schritt, Briten zu werden, kommt wohl nur für eher weniger EU-Ausländer im Königreich in Frage. Bisher hätten fast drei Millionen Menschen den Antrag auf die Aufenthaltsgenehmigung gestellt, heißt es von der Regierung, nur extrem wenige seien abgelehnt worden.

»Settled Status« via App Auch Uta-Maria Caron hat sich um den "Settled Status" beworben. Seit sieben Jahren lebt die gebürtige Chemnitzerin nahe London. Für ihren Job bei Google pendelt sie zwischen der britischen Hauptstadt und Dublin. "Da hat sich bisher nichts geändert, aber es kann sein, dass es irgendwann wieder Kontrollen bei der Einreise nach Irland geben wird." Die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, sei ganz einfach gewesen: "Wir haben das über eine App gemacht. Das ging ganz schnell, nach drei Tagen kam die Bestätigung." Sie werde sich "auf keinen Fall" um die britische Staatsbürgerschaft bemühen - sie wisse zwar nicht, was die Zukunft bringe, wolle aber "auf keinen Fall in Großbritannien alt werden" und denke immer wieder darüber nach, zurück nach Deutschland zu gehen.

Wie die EU-Ausländer mittelfristig im Vereinten Königreich leben werden, ist momentan wie so vieles nicht wirklich klar. Die Bedenken, dass sie vielleicht doch nicht die gleichen Rechte haben werden wie die Briten und die EU-Institutionen dann nichts mehr für sie tun können, sind groß. Daher kämpfen Initiativen wie "3Millions" für ihre Interessen; eine Lenkungsgruppe im Europäischen Parlament setzt sich für ihre Rechte ein und hat mehrere Entschließungen und Erklärungen zum Schutz der Bürgerrechte abgegeben.

Deutscher Pass beantragt Auch Alex Yendell beobachtet mit großer Skepsis, was in seiner Heimat geschieht. Der Religionssoziologe, der als Sohn eines britischen Vaters in Deutschland geboren ist und derzeit in Münster lebt, hat am Tag nach dem Referendum die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Im Zweifel gewähre ihm der deutsche Pass besser die Freizügigkeit, dort zu arbeiten und zu leben, wo er wolle - und niemand wisse, wo in Großbritannien die Reise hingehe. "Dort findet gerade ein Abgesang auf die politische Kultur und demokratische Traditionen statt, der mir Sorge bereitet."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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