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Finanzen
Marcus Theurer
City im Nebel

Welche Rolle der Finanzplatz London nach dem Brexit spielen wird, ist noch offen. Klar scheint nur, dass Europa weiter von ihm abhängt

So lang die Liste der Wirtschaftsthemen ist, die Großbritannien und die EU nach dem Brexit zu klären haben, so eindeutig ist aus britischer Sicht, welches davon die höchste ökonomische Bedeutung hat: Das Vereinigte Königreich ist der größte Nettoexporteur von Finanzdienstleistungen der Welt. Banken, Versicherungen, Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter und andere Dienstleister sorgen auf der Insel für 1,1 Millionen gutbezahlte Jobs.

Doch der Brexit könnte für die Vorzeigebranche einen harten Rückschlag bringen. Denn Großbritannien wird aller Voraussicht nach schon bald keinen freien Zugang zum EU-Binnenmarkt mehr haben. Damit aber wird auch die Finanzbranche des Landes wohl nicht mehr wie bisher von London aus ungehindert ihre Dienste auf dem europäischen Kontinent anbieten können. Dies wiederum könnte dazu führen, dass die Finanzunternehmen Geschäfte und Arbeitsplätze von London in die EU verlagern. Während bisher nur wenige Tausend britische Finanzjobs wegen des Brexits verloren gegangen sind, könnten auf längere Sicht sehr viel mehr Stellen abwandern.

Es steht viel auf Spiel: Die Länder der EU sind der wichtigste ausländische Absatzmarkt für die britischen Finanzspezialisten. Rund 40 Prozent aller Finanzdienstleistungsexporte des Königreichs gehen in die Union. Die Londoner Bankentürme sind quasi der Finanzsupermarkt Europas.

Vor allem amerikanische Großbanken wickeln von ihren Londoner Niederlassungen aus weite Teile ihres Geschäfts in den europäischen Ländern ab. Vor dem Brexit-Referendum haben die fünf größten Investmentbanken der Vereinigten Staaten mehr als 90 Prozent ihrer europäischen Arbeitskräfte in Großbritannien beschäftigt. Auch für japanische Großbanken ist London traditionell der bevorzugte Standort in Europa.

Erste Liga Nach dem Brexit-Referendum gab es Prognosen, dass die Finanzdienstleister wegen des EU-Austritts mehr als 100.000 Arbeitsplätze aus Großbritannien in andere Länder des Staatenbundes verlagern würden. Tatsächlich sind bislang dagegen nur wenige Tausend Banken- und Versicherungsjobs abgewandert. Auch wenn sich das in Zukunft noch ändern kann - bislang jedenfalls kann von einem "Brexodus" in der Londoner City keine Rede sein.

Immerhin: Frankfurt, das wichtigste deutsche Finanzzentrum, profitiert von den Verlagerungen. Die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) schätzt, dass wegen des Brexits bis Ende nächsten Jahres rund 3.500 Arbeitsplätze am Main entstehen werden. Auch Paris, Dublin, Amsterdam und andere europäische Finanzzentren gewinnen durch den EU-Austritt der Briten zusätzliche Arbeitsplätze.

Noch allerdings spielt London in der europäischen Finanzbranche in einer eigenen Liga: Zwischen 2014 und 2018 wurden rund die Hälfte aller Begebungen von Aktien und Anleihen durch Unternehmen der Eurozone in Großbritannien organisiert. Wird das auch in Zukunft weiter möglich sein? Auch auf anderen Gebieten wie etwa in der Rückversicherung der Assekuranzen und im Handel mit Devisen und Finanzderivaten hat Großbritannien bisher eine führende Position in Europa.

Derzeit laufen in der City, dem traditionellen Londoner Bankenviertel und im Finanzzentrum Canary Wharf im Osten der Metropole die Geldgeschäfte weiter, als wäre überhaupt nichts geschehen. Aber bis Jahresende gilt ja auch noch eine Übergangsfrist, während derer die Finanzdienstleister von Großbritannien weiterhin freien Zugang haben zu Kunden in der EU.

Bevorstehende Änderungen Doch wie es am 1. Januar 2021, nach dem Ende der Übergangsphase, weitergeht mit den Finanzgeschäften zwischen Großbritannien und der EU, das ist bisher völlig offen. Der EU-Chefverhändler Michel Barnier hat bereits Anfang Februar kurz nach dem Brexit klar zu verstehen gegeben, dass sich bei internationalen Finanzgeschäften durch den Austritt einiges ändern werde: Die Briten sollten sich "nichts vormachen", sagte er. Der bisherige Status quo werde nicht weiter aufrecht zu erhalten sein. Konkret bedeutet das: Die EU-Seite will den britischen Finanzdienstleistern zwar Zugang zum eigenen Markt gewähren, falls die Regulierung der Branche auf der Insel von Brüssel als gleichwertig, also "äquivalent", angesehen wird. Ähnlich verfährt die EU auch bei anderen Drittstaaten.

Der große Haken daran ist aber: Die "Äquivalenz" kann von Brüssel mit nur 30 Tagen Vorankündigung aberkannt werden. Auf einen dauerhaft stabilen Marktzugang nach Kontinentaleuropa könnten die Londoner Banker so nicht bauen.

Erst im vergangenen Jahr ist deutlich geworden, dass dieses Risiko nicht nur ein theoretisches ist: Damals entzog die EU der Schweizer Aktienbörse kurzfristig den Äquivalenzstatus, weil Brüssel unzufrieden war mit den seit Jahren zähen Handelsgesprächen mit der Regierung in Bern. Die britische Regierung hat andere Vorstellungen: Sie will in den Verhandlungen mit der EU "eine dauerhafte Äquivalenz" vereinbaren, die sicherstellen soll, dass der freie Zugang für die Geldbranche in die Mitgliedsländer des Staatenbundes eben nicht abrupt beendet werden kann. Doch das Misstrauen auf europäischer Seite ist groß. Die EU-Mitgliedsländer fürchten, dass Großbritannien, um Wettbewerbsvorteile zu gewinnen, seine Aufsichtsstandards für die Finanzbranche aufweicht. Denn die Briten müssen sich nach Ende der Brexit-Übergangsfrist nicht mehr an die für alle EU-Mitglieder geltenden Aufsichtsregeln halten.

Die EU dürfe sich nicht von einem Offshore-Finanzplatz abhängig machen dessen Banken wegen laxer Aufsichtsregeln womöglich weniger stabil seien als notwendig, warnte etwa Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling. Argwöhnisch verwies er auf Äußerungen des mittlerweile ausgeschiedenen Gouverneurs der Bank von England, Mark Carney: Der oberste britische Notenbanker hatte der Regierung in London empfohlen, von der Freiheit, eigene Standards zu setzen, Gebrauch zu machen. Großbritannien solle sich "nicht die Hände binden lassen", sagte der Notenbanker.

Eigene Regulierung im Blick So sieht das nicht nur Carney: Für britische Geldhüter ist es schwer vorstellbar, dass sie bei der Regulierung ihrer Finanzbranche weiterhin strikt den Regeln der Europäischen Union folgen sollen, ohne bei deren Gestaltung ein Mitspracherecht zu haben. "Das Vereinigte Königreich kann nicht die Regulierung und Überwachung des weltweit führenden komplexen Finanzsystems an eine andere Jurisdiktion outsourcen", sagte Jon Cunliffe, stellvertretender Gouverneur der Bank von England.

Wie dieser Poker zwischen Brüssel und London um die Finanzbranche ausgeht, ist schwer abzuschätzen. Weil die EU weiß, wie wichtig der Geldsektor für Großbritannien ist, wird sie versuchen dies als Faustpfand in den Handelsgesprächen zu nutzen, um die Gegenseite zu Zugeständnissen auf anderen Gebieten zu bewegen. Als brisantes Thema gelten beispielsweise einerseits die Fangrechte europäischer Fischer vor der britischen Küste, die London nach dem Brexit deutlich einschränken will.

Andererseits halten auch die Briten einige Trümpfe in der Hand. Denn nicht nur ist die EU ein wichtiger Markt für die britischen Finanzdienstleister - umgekehrt ist auch die Wirtschaft in Kontinentaleuropa auf den Finanzplatz London und seine Expertise angewiesen. Selbst die Europäische Zentralbank tätigt bisher rund die Hälfte ihrer Anleihekäufe in London.

Ein weiteres Beispiel für die große Bedeutung der britischen Hauptstadt sind die sogenannten Clearinghäuser, die in großen Umfang Finanztransaktionen abwickeln und absichern. Diese Geschäfte haben eine Schlüsselfunktion im Finanzgewerbe und sind bisher großteils in London angesiedelt. Fachleute halten es für illusorisch, den gewaltigen Geschäftsbestand kurzfristig komplett von London beispielsweise nach Frankfurt oder auch Paris zu verlagern.

Die EU wird also auf absehbare Zeit vom Finanzplatz London abhängig bleiben - und kann deshalb kein Interesse daran haben, diesen weitgehend vom Kontinent abzuschneiden.

Der Autor ist Wirtschaftsredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

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