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GEsundheitsdienst
Peter Stäuber
Kurz vor dem Kollaps

Die Coronakrise bringt den britischen NHS in Bedrängnis und könnte bei den verantwortlichen Politikern zu einem Umdenken führen

Die drei Rettungssanitäterinnen scheinen überraschend gelassen, als sie die Notaufnahme verlassen. Northwick Park Hospital, ein hässlicher Betonbau aus den 1960er Jahren, steht im Nordwesten Londons. "Es ist schon eher hektisch derzeit", sagt eine der Sanitäterinnen und fügt hinzu: "Das schaffen wir schon." Anlass zur Panik hätte sie genug. Erst kurz zuvor, Ende März, hatte das Northwick Park Hospital einen "kritischen Zwischenfall" ausgerufen, also einen Notstand. Es wurden so viele Covid-19-Patienten eingeliefert, dass die Notaufnahme überfordert war. Anfang April kam dann sogar Premierminister Boris Johnson (55) mit Covid-19 in eine Londoner Klinik und erhielt zusätzlichen Sauerstoff. Bevor er auf die Intensivstation verlegt wurde, dankte er den "brillanten Mitarbeitern" des National Health Service (NHS).

Die Pandemie stellt die größte Herausforderung in der Geschichte des NHS dar. Freilich setzt die Virenerkrankung auch die Gesundheitssysteme anderer Länder unter Druck, aber der NHS ist besonders schlecht vorbereitet. In diesen Wochen zeigen sich die Schwachstellen im britischen Gesundheitssystem besonders deutlich. Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen.

Kostenlose Behandlung Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Labour-Regierung unter Premierminister Clement Attlee entschlossen, die Gesundheitsversorgung auf eine einheitliche und faire Basis zu stellen. Bis anhin war der Arztbesuch oft mit hohen Kosten verbunden, und nicht überall gab es Wohlfahrtseinrichtungen, die ärmeren Bürgern aushelfen konnten. "Der Kern eines guten Gesundheitsdienstes besteht darin, dass Armut keine Behinderung darstellt und dass Reichtum nicht bevorzugt wird", sagte damals Aneurin Bevan, der charismatische Gesundheitsminister. Der NHS, der 1948 öffnete, war bahnbrechend: Alle Bürger haben seither denselben Zugang zur Gesundheitsversorgung, und die Behandlung ist kostenlos: Das gesamte Budget wird über Steuern finanziert. Ärzte, Optiker, Apotheker, Krankenpfleger und Zahnärzte arbeiten für dieselbe Organisation - der NHS ist einer der größten Arbeitgeber weltweit, derzeit beschäftigt er rund 1,5 Millionen Angestellte.

Das anfängliche Gesundheitsbudget nahm sich recht bescheiden aus: 1948 steckte der Staat 437 Millionen Pfund in den NHS, was heute etwa 15 Milliarden Pfund entspräche. In den folgenden Jahrzehnten ließen die hohen Gesundheitskosten den Haushalt stetig anwachsen. Derzeit gibt England jährlich fast 130 Milliarden Pfund für die Gesundheitsversorgung aus (der NHS in Schottland und Wales wird von den Regionalregierungen verwaltet). Im Vergleich zu anderen Industrieländern ist das relativ wenig. Laut Zahlen der OECD belaufen sich die Gesundheitsausgaben in Großbritannien auf 9,8 Prozent des BIP, während es in Deutschland 11,2 Prozent sind; in den USA fast 17 Prozent.

Wachsende Probleme Der NHS ist effizient und bei der Bevölkerung sehr beliebt - aber er steckt seit vielen Jahren in immer größeren Schwierigkeiten. Lange Wartezeiten für Operationen und Notfälle, überarbeitete Ärzte und Krankenpfleger sowie mangelhafte Ausrüstung: Die Liste der Missstände ist lang. In jedem Winter sind die Notaufnahmen überlastet. Im Februar 2018, als der NHS seinen 70. Geburtstag feierte, marschierten Zehntausende Demonstranten durch London und andere Städte und forderten die Regierung auf, etwas gegen die Krise im Gesundheitssystem zu unternehmen. "Save Our NHS", hieß es - Rettet unseren NHS.

Ein Teil des Problems ist die schrittweise Privatisierung. Bereits Anfang der 1990er Jahre begann eine langsame Öffnung des NHS für private Akteure, die sowohl von konservativen wie auch von Labour-Regierungen mitgetragen wurde. In allen möglichen Sektoren sind heute Privatfirmen aktiv - von Physiotherapie über Augenheilkunde bis zu Diagnostik (Hausärzte, sogenannte General Practitioners, sowie Zahnärzte sind schon seit 1948 unabhängig und verkaufen ihre Dienste an den NHS).

David Rowland, Direktor des Centre for Health and the Public Interest (CHPI), hat errechnet, dass rund 18 Prozent des NHS-Etats in den Privatsektor fließen. Das verursacht zusätzliche Kosten, weil die Firmen Geld für Anwälte oder Werbung ausgeben. Das CHPI schätzte 2014, dass diese Transaktionskosten rund 4,5 Milliarden Pfund pro Jahr betragen. Auch strengen Privatanbieter zuweilen Klagen gegen den NHS an. So hat Virgin Care den Gesundheitsdienst verklagt, weil der Auftrag für die Kinderfürsorge in Surrey nicht an den Konzern des bekannten Unternehmers Richard Branson ging. Virgin Care argumentierte, dass die Auftragsvergabe fehlerhaft gewesen sei. Der NHS stimmte einem Vergleich zu und zahlte Virgin zwei Millionen Pfund.

Rigoroses Sparprogramm Eine größere Herausforderung ist die Tatsache, dass der NHS seit der Finanzkrise von 2008 nicht genug Geld erhält. Nachdem die Regierung den Banken unter die Arme gegriffen hatte, versuchte sie die Staatsschulden abzubauen, indem sie ein rigoroses Sparprogramm umsetzte. Alle öffentlichen Sektoren waren davon betroffen - aber der NHS sollte eigentlich ausgenommen sein. "In gewisser Hinsicht war er das auch", sagt John Appleby, Chefökonom des Thinktanks Nuffield Trust, der sich mit Gesundheitsfragen befasst. "Aber die Budgeterhöhung betrug ab 2010 lediglich 1,5 Prozent über der Inflation. Wenn man das vergleicht mit den jährlichen vier Prozent, die es seit 1948 waren, oder den sechs Prozent ab dem Jahr 2000, ist das wenig." Jedenfalls reichte das Geld nicht, um mit den wachsenden Ausgaben des Gesundheitsdienstes Schritt zu halten. "Die Folgen waren einige Jahre nach Beginn der Sparpolitik zu sehen: Insbesondere die Wartezeiten wurden immer länger", sagt Appleby. Laut Vorgabe des Gesundheitsministeriums müssen 95 Prozent der Patienten, die in die Notaufnahme eingeliefert werden, innerhalb von vier Stunden behandelt werden. Dieses Ziel wurde zum letzten Mal 2014 erreicht; seither haben sich die Wartezeiten stets verlängert, im Oktober 2019 wurden nur 83,6 Prozent der Patienten innerhalb der vorgegebenen Zeit untersucht - ein Negativrekord.

Betten fehlen Die Finanzklemme zeigte sich auch in anderen Bereichen. Dem NHS fehlen rund 100.000 Angestellte, vor allem Krankenpfleger. Einschnitte bei "Public Health"-Institutionen, etwa Kliniken für Geschlechtskrankheiten oder Initiativen gegen das Rauchen, wirken sich nachteilig auf die Gesundheit der Bevölkerung aus. Zudem stehen in den Krankenhäusern immer weniger Betten zur Verfügung. Zwischen 2010 und 2019 sank deren Zahl von 144.000 auf 127.000. Im Jahr 2017 verfügte Großbritannien laut OECD über 2,5 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner - in Deutschland waren es acht. Die Einsparungen haben auch zur Folge, dass die NHS-Mitarbeiter völlig überarbeitet sind. Im vergangenen Jahr gaben in einer Umfrage fast 40 Prozent an, der Stress am Arbeitsplatz mache ihnen gesundheitlich zu schaffen. Fast 80 Prozent sagten, sie seien einem enormen Zeitdruck ausgesetzt.

Pflege unter Druck Die Sparpolitik wirkt sich auch negativ auf die Pflegeversorgung aus. Die Verantwortung, sich um Alte und Pflegebedürftige zu kümmern, liegt bei den Kommunen, den Councils. Doch weil diese ihr Geld zum großen Teil von der Zentralregierung erhalten, waren sie von der Austeritätspolitik ab 2010 besonders getroffen. Manche verloren in den folgenden zehn Jahren 60 Prozent ihres Budgets.

Das zwang sie dazu, Jugendclubs, Bibliotheken und andere Sozialeinrichtungen zu schließen - und bei der Sozialfürsorge zu sparen. Viele hatten schlichtweg keine Mittel mehr, die nötigen Pfleger einzustellen. Von 2010 bis 2018 schrumpfte die Summe, die in England für Sozialpflege ausgegeben wurde, um sieben Milliarden Pfund. Der Branchenverband Association of Directors of Adult Social Services warnte im vergangenen Sommer, dass der Dienst in manchen Kommunen kurz vor dem Kollaps stehe. Aufgrund der jahrelangen Budgetkürzungen müssten bald Zehntausende ältere und invalide Menschen ohne grundlegende Versorgung auskommen.

Das hat auch Auswirkungen auf die Krankenhäuser. "Es wurde zunehmend schwierig, körperlich gesunde Patienten aus dem Krankenhaus zu entlassen, weil die Lokalbehörden sich nicht um sie kümmern konnten", sagt Appleby. Es handelt sich um eine erhebliche Zahl von Menschen, denn wie in anderen Ländern sind rund die Hälfte der Patienten über 65 Jahre alt. "Dies wirkte sich auch auf andere Abteilungen aus - zum Beispiel müssen Patienten, die über die Notaufnahme ins Spital geliefert werden, auf ein freies Bett warten."

Keine Schutzausrüstung Unter diesen Voraussetzungen ist das britische Gesundheitssystem denkbar schlecht auf die aktuelle Coronaepidemie vorbereitet. Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern hat Großbritannien im Verhältnis zur Bevölkerung weniger Ärzte, weniger Krankenpfleger und weniger Intensivbetten. Aber trotz aller frühzeitigen Warnungen kam die Regierung von Boris Johnson nur sehr langsam in die Gänge. Während Deutschland Ende März täglich Zehntausende Coronatests schaffte, konnten sich in Großbritannien nicht einmal die NHS-Mitarbeiter testen lassen.

Auch fehlt es an der nötigen Schutzausrüstung. Als sich die Zahl der Infektionen Mitte März ausbreitete, hörten die Briten mit Entsetzen von Pflegern, die sich Plastiksäcke über die Schuhe gestülpt und selbstgebastelte Gesichtsmasken aufgesetzt hatten. Richard Horton, Chefredakteur des angesehenen medizinischen Fachjournals "The Lancet", wertete die Art und Weise, wie die Coronakrise in Großbritannien gehandhabt wird, als den "gravierendsten wissenschaftspolitischen Misserfolg seit einer Generation".

Experten sagen voraus, dass die Erfahrungen mit der Epidemie den Forderungen nach einer angemessenen Finanzierung des NHS Nachdruck verleihen werden. "Ich vermute, dass sich die Haltung der Öffentlichkeit ändern wird", sagt etwa John Appleby. "Sie sehen, was der NHS für Probleme hat - in Bezug auf die Beschaffung von Schutzausrüstung, die Zahl der Betten, den Mangel an Fachpersonal. Und sie werden zu dem Schluss kommen, dass der Gesundheitsdienst mehr Geld braucht. Diese Botschaft wird zu den Politikern durchdringen."

Der Autor ist freier Journalist in London.

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