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Kultur II
Stefanie Bolzen
Appell für den Zusammenhalt

Bei den britischen Konsumenten überwiegt die Sehnsucht nach dem Glanz besserer Tage. Die scharf geführte Brexit-Debatte hat den Kulturbetrieb politisiert

Wie sagt Orson Welles als Harry Lime im Film "Der dritte Mann"? "In den 30 Jahren unter den Borgias hat's nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab's Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance." Zeiten der Krise sind gut, zumindest für die Entfaltung der Kunst, weil gesellschaftliche Spannung Kreativität provoziert. Künstler setzen ihre Beobachtung, wie die Menschheit einer neuen Herausforderung begegnet, in Musik um, in Literatur, Dichtung, Maler- und Bildhauerei.

Die jüngsten, heftigen Krisen haben die Kunst auf der Insel zunehmend politisiert. Was einst die Reaktion auf Margaret Thatchers Privatisierungspolitik war, sind heute der Brexit und die weit verbreitete soziale Ungleichheit. Vier Jahre lang hat der Brexit das Land umgetrieben und einen tiefen Spalt durch die Nation gerissen. Der EU-Ausstieg ist noch gar nicht ausgestanden, da ist die nächste Krise über die Insel hereingebrochen: die Coronavirus-Pandemie (siehe auch Text oben).

Binnen Tagen hatte London sein erstes buntes Symbol. "London Stands Together", lautet der Schriftzug eines Plakats, eingerahmt von einem Regenbogen und einem Herzen, entworfen von Peter Blake. Der 87-Jährige ist eine lebende Legende, der Großvater der britischen Pop Art. Der Illustrator gestaltete 1967 das Beatles-Plattencover für "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band".

Da eine Londoner Gratiszeitung das Design in gedruckter Form und zum Herunterladen im Internet verteilte, schmückte Blakes Regenbogen Tausende Fenster in der Hauptstadt. Ein auf Papier gebannter Versuch, inmitten von Krankheit und Tod ein Gefühl der Solidarität und Lebensfreude zu vermitteln. Ein Appell für den Zusammenhalt der fast Neun-Millionen-Metropole. "Kunst ist ein Ort, an dem wir uns gegenseitig über Wasser halten, obwohl wir uns nicht berühren können. Ein Ort der Ideen, der Menschen willkommen heißt. Eine Zone der Verzauberung wie auch des Widerstands, die selbst jetzt allen offen steht", schreibt die Kulturkritikerin Olivia Laing.

Lager Ganz im Gegensatz dazu haben sich von Beginn an zwei unversöhnliche Lager auf beiden Seiten der Frage über die EU-Mitgliedschaft versammelt. Dieses Spannungsfeld goss Grayson Perry, eines der exzentrischsten und bekanntesten Gesichter der Londoner Kunstszene, bereits im Sommer 2017 für eine Show in der Serpentine Gallery in Vasenform und Gobelins. Auf den Keramiken mit dem Titel "Brexit Vases" bannte Perry die Konterfeis von David Cameron und Nigel Farage. Sein wandfüllender Gobelin "Battle of Britain" ist das düstere Bildnis einer im Smog versinkenden Landschaft, die Straßen und Autobahnen durchziehen und der vor allem eines vermittelt: Richtungslosigkeit.

Perry gehörte zu den prominentesten Künstlern in der Brexit-Debatte, zumal er für einen Fernsehsender durchs Land zog für eine Dokumentation mit dem Titel "Geteiltes Großbritannien". Doch während der Künstler seinen Widerstand gegen den Brexit nur moderat äußerte, ist vor allem die junge Musikszene in Aufruhr. Wie wenig junge Briten mit den Konservativen und Boris Johnson anfangen können, das konnte die Tory-Partei nicht nur aus den jüngsten Wahlen lesen, bei denen sie kaum Stimmen der jungen Generation bekam. Sie kann es auch laut und deutlich aus den Liedtexten von Rappern und Hiphop-Musikern heraushören. Slowthai zum Beispiel, ein Rapper aus Northampton, nannte sein 2019 erschienenes Album "Nothing Great About Britain". Auf der Bühne heizt er seine Fans an: "Und jetzt alle zusammen: Fuck Theresa May!"

Auch Mays Nachfolger Johnson fand seinen Namen im Sommer 2019 auf der ganz großen Bühne wieder. Der Grime-Star Stormzy, einer der erfolgreichsten Künstler auf der Insel der vergangenen Jahre, wiederholte immer wieder und unter dem Gejohle von Hunderttausenden Glastonbury-Festivalbesuchern, live im BBC-Fernsehen übertragen, die Liedzeile: "Fuck the government and fuck Boris (yeah)". In die Kritik an Boris und am Brexit fließt aber weit mehr ein als die Ablehnung des EU-Ausstiegs. Es geht um fehlende soziale Gerechtigkeit, um mangelnde Chancen für die junge Generation und natürlich um Rassismus. "Wenn der Top-Politiker in unserem Land Schwarze als Wassermelonen-Grinser bezeichnen kann und muslimische Frauen mit Briefkästen vergleicht - dann treibt er andere zum Hass an", äußerte Stormzy scharfe Kritik an Premier Johnson.

Mehrheit Es gibt aber auch eine andere Seite der britischen Kunst, die zumindest in Hinsicht auf die Zahl der Konsumenten wesentlich populärer ist als die Tory- und Brexit-Kritiker aus der Grime-Szene. Es sind die unzähligen historischen Fernseh- und Kinofilme, beispielsweise "Dunkirk" oder "The Darkest Hour", die die Briten stets auf der richtigen Seite der Geschichte darstellen. Auch "Downton Abbey" ist nur eine der vielen "period drama series", die der Briten Sehnsucht nach dem Glanz vermeintlich besserer Tage und die Obsession mit der Klassengesellschaft befriedigen. Deren Publikum gehört zu einer Mehrheit, die gut mit dem Brexit und einem Premier Johnson leben kann - wie der haushohe Sieg der Konservativen im Dezember 2019 bewiesen hat.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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