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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
In der Krise steckt die Kraft

Wenn wir in der Coronakrise eines gelernt haben, dann dies: Spargel ist systemrelevant. Manche mögen es gewusst haben, gefühlt haben wir es alle. Ohne das Edelgemüse schmeckt das Leben fad. Also hat die Bundesregierung alles in Bewegung gesetzt, damit die Spargelernte trotz Kontaktsperre aus dem Boden gepult werden kann, vor allem die Profistecher aus Osteuropa, die nun wieder über die brandenburgische und badische Krume pflügen mit einem Tunnelblick für die verborgenen Stengel. Denn auch das haben wir gelernt: Nicht jeder Trottel bringt den Spargel in voller Schönheit ans Tageslicht. Der Amateur sticht daneben oder zu kurz. Nicht auszudenken: Beelitzer Spargel und dann zu kurz. Da legt sich der Wirtschaftsminister, der die ganze Wucht der Rezession abzufedern hat, doch gleich wieder hin. Ein Tag ohne Spargel ist wie ein Morgen ohne Mettbrötchen.

Wie die tapferen Frauen und Männer aus Rumänien mit ihrem Mundschutz da an der Gangway standen und winkten wie die Royals, endlich mal willkommen geheißen von einer stolzen Nation, die sonst unter Ausländern nur Wirtschaftsasylanten entlarvt. Jetzt wandern wir also auf den Polenmarkt und kaufen deutschen Spargel, von Rumänen geerntet, für einen Euro die Stange. Veronika, der Spargel wächst, die Reichen singen tralala. Bevor jetzt alle mitsingen, kurz mal innehalten und der Kanzlerin lauschen: "Die Situation ist trügerisch. Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen." Genau, denn Dürre droht. Was macht der Erntehelfer, wenn es nichts zu ernten gibt? In Afrika soll es noch Regenmacher geben, die bei Berufsanerkennung zur Ausreise bereit sind.Claus Peter Kosfeld

Aus Politik und Zeitgeschichte

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