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Hendrik Träger
Doppeltes Dilemma

Parteien haben Repräsentationsdefizite

Die im Bundestag vertretenen Parteien stecken in einem doppelten Dilemma. Sie sollen als Bindeglieder zwischen Staat und Gesellschaft fungieren, sind aber langfristig mit teils erheblichen Mitgliederverlusten konfrontiert und repräsentieren mit den soziodemografischen Merkmalen ihrer Mitglieder nicht den Durchschnitt der Gesellschaft.

Für die Merkmale Geschlecht und Alter ist die wissenschaftlich fundierte Datenlage am besten; dazu werden jährlich Statistiken veröffentlicht. Hinsichtlich anderer Parameter wie dem formalen Bildungsabschluss, dem Beruf und der subjektiven Schichtzugehörigkeit liegen nur für ausgewählte Jahre, nämlich 1998, 2009 und 2017 umfangreiche Angaben vor. Diese sind den aufwendigen Studien verschiedener Universitäten zu verdanken.

Mit Blick auf das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist eine Dominanz der Männer zu beobachten. Die Frauen stellen lediglich etwas mehr als ein Viertel der Mitglieder in Parteien. Daran hat sich seit Ende der 1990er Jahre nichts Wesentliches geändert. Kontinuierlich weisen allerdings die Mitte-Links-Parteien einen höheren Frauenanteil auf als die anderen Parteien. 2019 waren die Frauen bei Bündnis 90/ Die Grünen (41 Prozent) und der Linkspartei (36 Prozent) mindestens doppelt so stark vertreten wie in der AfD (18 Prozent). Niedrige Werte hatten auch CSU (21 Prozent) und FDP (22 Prozent), während SPD (36 Prozent) und CDU (27 Prozent) zwischen den Polen lagen.

Überalterung Auch beim Alter unterscheiden sich die Parteimitglieder wesentlich von der Gesamtbevölkerung. Innerhalb von 20 Jahren hat sich der Anteil der mindestens 65 Jahre alten Mitglieder von 25 auf 48 Prozent fast verdoppelt, während sich der Anteil an der Gesamtbevölkerung nur um zwei Punkte auf 27 Prozent erhöht hat. In der Gruppe der Hochbetagten (80 Jahre und älter) ist sogar mehr als eine Vervierfachung auf 13 Prozent der Mitglieder zu konstatieren, obgleich sie nur fünf Prozent der Bürger stellen. Die jüngeren Alterskohorten sind dagegen im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil (25 Prozent) unterrepräsentiert, denn nur neun Prozent der Parteimitglieder sind jünger als 35 Jahre.

Insbesondere die klassischen Volksparteien sind mit einer zunehmenden Überalterung konfrontiert. In den Unionsparteien und der SPD sind die Mitglieder gegenwärtig im Schnitt 60 oder 61 Jahre alt und damit rechnerisch zwei oder drei Jahre älter als 2008. Demgegenüber ist der Altersdurchschnitt bei der Linken mit 55 Jahren innerhalb einer Dekade um vier Jahre gesunken. Grüne und Liberale bewegen sich mit 48 beziehungsweise 51 Jahren auf dem Niveau des Jahres 2008. Für die AfD liegt bisher keine fundierte Statistik vor.

Aufgrund der Altersstruktur fehlen den Parteien in zunehmenden Maße Mitglieder, die für Funktionen auf lokaler Ebene oder öffentliche Ämter kandidieren wollen, beziehungsweise wegen gesetzlich normierter Altersgrenzen für hauptamtliche Bürgermeister und Landräte dürfen. Außerdem wird ein 80-Jähriger kaum auf eine Leiter steigen, um Wahlplakate anzubringen. Das erklärt, warum mancherorts mittlerweile selbst in der heißen Wahlkampfphase nur wenige Plakate zu sehen sind.

Die große Abweichung der Parteimitglieder hinsichtlich Geschlecht und Alter vom Durchschnitt der Bevölkerung dürfte viele Bürgerinnen und Bürger nicht zum Beitritt animieren. So könnte ein überwiegend aus älteren Männern bestehender Ortsverband auf junge Frauen nicht beteiligungsfördernd wirken, wenn Gleichaltrige mit ähnlichen Interessen fehlen.

Wenig Hauptschüler Repräsentationsdefizite sind auch beim Bildungsabschluss zu beobachten. Während rund 36 Prozent der Bürger in Deutschland allenfalls die Hauptschule absolviert haben, ist diese Gruppe in den Parteien mit 21 Prozent unterrepräsentiert. Unabhängig von der einheitlichen Tendenz, wonach der Anteil der formal geringer Gebildeten in allen Parteien sinkt, gibt es zwischen den Parteien doch erhebliche Differenzen. Die beiden Extreme bilden die Grünen mit gerade einmal vier Prozent formal niedriger Gebildeten und die CSU mit 31 Prozent.

Demgegenüber hat sich die Überrepräsentation derjenigen mit (Fach)-Hochschulabschluss (11-18 Prozent in der Bevölkerung) seit Ende der 1990er Jahre verstärkt. Der Anteil stieg von 37 auf 44 Prozent. Hier bilden abermals Bündnis 90/Die Grünen und CSU die Extreme. Mittlerweile haben fast drei Viertel der Grünen-Mitglieder einen (Fach)-Hochschulabschluss, während das nur auf ein Drittel der Christsozialen zutrifft. Die Akademisierung kann politisch Interessierte davon abhalten, sich zu engagieren, sobald der Eindruck entsteht, dass eine Partei nur wenig mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu tun hat. Die schwache Bindung der Parteien an bestimmte Bevölkerungsgruppen spiegelt sich letztlich in der Wahlbeteiligung und den Stimmenanteilen wider.

Berufe Dies gilt auch mit Blick auf die Berufe der Parteimitglieder, denn auch in dem Punkt sind einige Gruppen unter- und andere wiederum überrepräsentiert. Die Parteien bestehen mehrheitlich aus Angestellten des Öffentlichen Dienstes beziehungsweise Beamten, Selbstständigen und Freiberuflern, obgleich diese weniger als ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Arbeiter und sonstige Angestellte, die drei Viertel der Bevölkerung stellen, sind in den Parteien unterrepräsentiert. Das betrifft vor allem FDP und Bündnis 90/Die Grünen. Nur bei den Sozialdemokraten (16 Prozent) und der Linkspartei (17 Prozent) sind Arbeiter vergleichsweise zahlreich vertreten, jedoch gehört auch dort mittlerweile nur eine Minderheit dieser Berufsgruppe an. Mit den sonstigen Angestellten repräsentieren die Arbeiter nicht einmal mehr die Mehrheit der Mitglieder von SPD (45 Prozent) und Die Linke (49 Prozent). Es kann streng genommen also nur noch begrenzt von Arbeiterparteien gesprochen werden.

Aufgrund der Berufsstruktur verwundert es auch nicht, dass hinsichtlich der subjektiven Schichtzugehörigkeit eine große Abweichung gegenüber der Gesamtbevölkerung zu konstatieren ist. Angehörige der oberen Mittelschicht, zu denen sich ein Fünftel aller Bürger zählt, stellen 30 Prozent der Parteimitglieder. In der FDP gehören die meisten Mitglieder der oberen Mittelschicht (43 Prozent) oder Oberschicht (acht Prozent) an. In den anderen Parteien (für die AfD liegen keine Daten vor) stellen die Angehörigen der unteren und mittleren Mittelschicht sowie der Unterschicht zwar die Mehrheit der Mitglieder, sind aber mit Ausnahme von Sozialdemokraten und Linke deutlich unterrepräsentiert.

Ostdeutschland Neben den soziodemografischen Merkmalen ist auch bezüglich der Vertretung der Ostdeutschen eine Unterrepräsentation zu beobachten. Das gilt zumindest für die Parteien der politischen Mitte (CDU, SPD, Grüne, FDP). Von deren Mitgliedern kamen 2019 nur fünf (SPD) bis zehn Prozent (FDP) aus den fünf "neuen" Ländern, obgleich dort 15 Prozent der Bevölkerung wohnten. Demgegenüber sind die Ostdeutschen bei AfD (21 Prozent) und Linke (39 Prozent) überrepräsentiert.

Bei der Rekrutierungsfähigkeit, also dem Anteil der Parteimitglieder an der beitrittsberechtigen Bevölkerung, ist Deutschland auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch "uneinig Vaterland". Deshalb können die unterschiedlichen Wahlergebnisse in Ost und West kaum überraschen.

Diejenigen, die sich ehrenamtlich in einer Partei engagieren und in Regionen mit einer schwach ausgebauten Organisationsstruktur vor Ort für die An- und Abfahrt zu den Mitgliedertreffen eine halbe Stunde oder länger fahren, sind oft mit viel Herzblut dabei. Dass allerdings der eine oder die andere doch das Engagement reduziert und sich im Zweifelsfall zur inaktiven "Karteileiche" entwickelt, mag in der konkreten Situation nachvollziehbar sein, bringt jedoch die Parteiendemokratie in Bedrängnis.

Die Parteien stehen also in mehrfacher Hinsicht vor derart großen Herausforderungen, dass die Alarmglocken eigentlich im Dauerton schrillen müssten. Die Parteien waren zwar nie ein exaktes Spiegelbild der Gesellschaft; wenn aber mehrere Bevölkerungsgruppen immer weniger repräsentiert sind oder sich repräsentiert fühlen, wird das Bindeglied zwischen Gesellschaft und Staat schwächer. Das ist ein ernstzunehmendes Problem für die Parteiendemokratie.

Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Universität Leipzig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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