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Kommunen
Johanna Metz
Verwaiste Rathäuser

Die Suche nach Bürgermeister-Kandidaten gestaltet sich oft schwierig

"Bürgermeister genießen hohes Ansehen in der Bevölkerung und haben Freude an ihrem Amt." So fassten im Jahr 2008 Bertelsmann Stiftung, Deutscher Städtetag und Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB) die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage unter Stadtoberhäuptern und Bürgern zusammen.

Ein gutes Jahrzehnt später scheint sich das geändert zu haben. "Sind Bürgermeister nur noch Watschenmänner?", fragte im Oktober 2019 die "Abendzeitung" aus Bayern angesichts der schwierigen Suche nach Kandidaten für die Kommunalwahl am 15. März 2020. Der Deutschlandfunk berichtete über einen landesweiten Mangel an Bewerbern und titelte dazu: "Bürgermeister werden? Nein danke!"

Suche per Annonce Laut Bayerischem Gemeindetag sind allein in Bayern beim jüngsten Urnengang rund die Hälfte aller Bürgermeister nicht mehr angetreten, davon viele aus Altersgründen. Doch die Suche nach Nachfolgern gestaltete sich schwierig. Von "Das ist nix für mich" bis "Nein, ich bin genug beschäftigt mit meinen Kindern", habe er alle möglichen Gründe gehört, nicht antreten zu wollen, erzählte der langjährige Bürgermeister von Bach an der Donau, Josef Peutler, dem Bayrischen Rundfunk. Einige Kommunen versuchten daraufhin ihr Glück mit Stellenanzeigen - und lockten sogar mit finanziellen Anreizen. "Suchen Bürgermeister in Vollzeit" hieß es in einer Zeitungsannonce der 2.000-Einwohner-Stadt Schwanfeld in Unterfranken. Dabei ist der Posten in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern in der Regel ein Ehrenamt.

"Es wird durchaus schwieriger, Menschen für ein Engagement in der Kommunalpolitik zu finden", sagt der Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB), Ralph Spiegler (SPD). Dies gelte vor allem dann, wenn Nachfolger für Bürgermeister gefunden werden sollen, die aufgrund von Bedrohungen oder tätlichen Übergriffe ihr Amt niedergelegt haben - wie erst kürzlich die Stadtoberhäupter von Estorf (Niedersachen) und Arnsdorf (Sachsen), Arnd Focke und Martina Angermann. Die Entscheidung, Ämter niederzulegen oder nicht erneut anzutreten, werde laut aktuellen Umfrageergebnissen durch das Anspruchsdenken der Bürger, deren Proteste, aber auch den Umgang und die Diskussionskultur im Alltag klar beeinflusst, betont er.

Auch nach Ansicht von Uwe Brandl (CSU), dem Vizepräsidenten DStGB, führen "zunehmende Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe" auf kommunale Amts- und Mandatsträger zu mehr Rücktritten oder Rückzugsentscheidungen. Viele Bürger seien nicht mehr bereit, bestimmte Dinge zu tolerieren und zu akzeptieren. "Das macht es anstrengend."

Allerdings verweist der Ulmer Politikwissenschaftler Vinzenz Huzel darauf, dass die Bewerberzahlen schon seit längerer Zeit recht niedrig sind. Er hat 2015 rund 530 Bürgermeister in Baden-Württemberg befragt und die Kommunalwahlen zwischen 2008 und 2015 ausgewertet und stellte fest: Seit den 1980er Jahren hat sich vor allem das Profil der Kandidaten stark verändert. Die Bewerber, ehedem meist männlich, sind heute zunehmend älter und bringen weniger Qualifikationen und Verwaltungserfahrung mit. Junge Verwaltungsfachleute schrecken hingegen vor dem Job zurück - zu viel Arbeit, kaum Privatleben, schlechte Bezahlung. Dazu kommen sinkende Gestaltungsspielräume und vermehrte Angriffe und Anfeindungen.

Wie sollen angesichts dessen wieder mehr und bessere Kommunalpolitiker in die Rathäuser kommen? Huzel sieht die Parteien in der Pflicht: Sie müssten gezielt qualifiziertes Personal aufbauen und vor allem Frauen besser motivieren, für ein politisches Amt zu kandidieren. Bislang werden nur 9,6 Prozent aller Kommunen von Frauen geführt.

Ohne Alternative Bürgermeister Josef Peutler war mit seiner Suche nach einem Nachfolger erst nach zwei Jahren erfolgreich. Der neue Bacher Bürgermeister wurde bei den Kommunalwahlen im März mit 86,03 Prozent der Stimmen gewählt. Er war, keine Seltenheit bei den jüngsten Kommunalwahlen in Bayern, der einzige Kandidat.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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