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Kristina Pezzei
Boom im Backstein

Die Wertschöpfung in Berlin wächst. Innovation findet sich dabei oft an Orten, die schon einmal Motoren der Entwicklung waren

Ein staubiger Platz vor einem vernachlässigten Grünstreifen, begrenzt von zwei sich kreuzenden Hauptstraßen, in der Mitte ein isoliert stehender Aufzug, der zu den darunter liegenden S-Bahngleisen führt: Der Askanische Platz über dem Anhalter-Bahnhof gehört zu den Berliner Orten, die auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch ihre Rolle suchen. Ein Hinweis darauf, dass ein paar Meter weiter hinten eines der ersten Berliner Start-ups entstand, mit Folgen für die Wirtschaftsentwicklung weit über Berlin hinaus: Fehlanzeige. Dabei befand sich etwa auf Höhe des heutigen S-Bahn-Aufzugs der Hinterhof, in dem Werner von Siemens und Johann Georg Halske 1847 ein Unternehmen gründeten, das unter dem Firmennamen Siemens zum Weltkonzern wurde. Einzig im gegenüberliegenden Hotel steht im Eingangsbereich eine Siemens-Büste. So wirkt das Szenenbild ein wenig wie ein Symbol für den Umgang der Berliner mit ihrer Wirtschaft - immer ein wenig "ja, aber", lieber hip als industriell und im Zweifel gerne mal dagegen.

"Berlin ist Teil unserer DNA", erklärt derweil der Siemens-Konzern. "Die Elektrifizierung als Schlüsseltechnologie des 19. und 20. Jahrhunderts hat Siemens und Berlin groß gemacht." Tatsächlich läuteten die Gründer der einstigen "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske" eine lang anhaltende Phase mit ein, in der Berlin Industriegeschichte schrieb. Die erste elektrische Straßenbahn, der Fön und die mit Trockenbatterien betriebene Taschenlampe wurden in den Folgejahrzehnten in Berlin erfunden. Auch die 1883 von Emil Rathenau gegründete "Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Electricität" prägte die industrielle Entwicklung entscheidend - das Unternehmen wuchs unter dem Namen AEG später ebenfalls zum globalen Konzern. "Aus allen Bereichen Preußens strebten die Menschen damals nach Berlin", sagt der Leiter des Berliner Zentrum Industriekultur (BZI), Joseph Hoppe. "Sie wurden angezogen von den wirtschaftlichen Entwicklungen, aber auch den neuen Wissenschaftseinrichtungen und den Möglichkeiten, effiziente Netzwerke zu knüpfen."

Die Phase reichte bis weit in die Gründungsphase von Groß-Berlin hinein. Ihre Dynamik lässt sich bis heute an der Qualität der Bauten erahnen, die damals im gesamten Stadtgebiet entstanden sind: Allen voran die AEG-Turbinenfabrik von Peter Behrens, dem Wahrzeichen der "Elektropolis Berlin". Aus Eisen, Glas und Beton baute Behrens im Auftrag des Unternehmens 1909 eine Halle, die schon damals als Meilenstein einer "Industriekultur" gefeiert wurde. Der Bau in Moabit mit seinen großen Fensterfronten und der durchgehenden Halle ohne tragende Elemente gilt bis heute als Musterbeispiel früher Industriearchitektur und als Touristenmagnet, auch wird sie bis heute im ursprünglichen Sinn genutzt. Siemens baut dort Gasturbinen für den weltweiten Markt.

Erinnerungen an die industrielle Blüte finden sich freilich in fast jedem Kiez - von der Rummelsburger Bucht bis nach Spandau, von der Schöneberger Malzfabrik bis in die Uferhallen im Wedding. Nirgends indes ballt sich die Vergangenheit so dicht wie in Schöneweide - und an kaum einem anderen Ort knüpfen Gegenwart und Zukunft der Berliner Wirtschaft so nahtlos an die Geschichte an.

"Das Netzwerk, das wir hier mit den Hochschulen, den Fraunhofer- und Max-Planck-Instituten und anderen Start-ups vorfinden, ist einzigartig", sagt der Geschäftsführer des 3D-Scanner-Herstellers botspot, Sascha Rybarczyk. Der Enddreissiger, schlank, Bart, weißes Hemd, sitzt in einem Besprechungsraum im Technologie- und Gründerzentrum TGS an der Ostendstraße. Auf der anderen Seite der von Straßenbahnschienen durchzogenen Straße steht das Peter-Behrens-Haus mit dem markanten Turm, ans andere Straßenende ist die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) gezogen. Botspot ist seit seiner Gründung vor mehr als zehn Jahren schnell gewachsen und braucht um die 1.000 Quadratmeter für Entwicklung und Produktion. "Es gab Anfragen aus Friedrichshain, aber hier waren die Bedingungen besser", sagt Rybarczyk. In der Nachbarschaft gebe es noch Industriebrachen mit Möglichkeiten, die man anderswo in Berlin vergeblich suche - das sei interessant für eventuelles eigenes weiteres Wachstum, aber auch das eines Unternehmensnetzwerks zur Entwicklung des gesamten Stadtteils.

Als "Schöne Weyde" in den Jahren nach 1890 entstand, lag es noch vor den Toren Berlins. Schnell wuchs es zum Arbeiter- und Indstriestandort. Ein Kraftwerk wurde gebaut, Werke für die Produktion von Autos, Batterien und Lampen entstanden. Das einstige Herz der Elektroindustrie durchlebte wechselhafte Zeiten; seit wenigen Jahren erst werden die Hallen und Orte von Start-ups und Kreativen neu entdeckt, an den Uferbereichen siedelten sich Cafés und Restaurants an, die HTW schob die Entwicklung mit ihrem Ansiedlung entscheidend an.

"Wir haben hier schon wegen des Standorts die Aufmerksamkeit von Kunden", sagt Rybarczyk. Die Umgebung versprüht bis heute einen herben, industriellen Charme, auf der Straße mischen sich Studenten, Start-Up-Mitarbeiter und alteingesessene Arbeiter die nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie längst nicht alle in neue Jobs fanden. In einer Halle hat der Industriesalon eine Dauerausstellung zur Geschichte des Standorts eingerichtet. "Für viele Unternehmen, die sich ansiedeln wollen, muss es Backstein sein", bekräftigt Hoppe vom BZI. "Die wollen nicht in einen beliebigen Alu-Bau."

Konkret profitiert botspot in Schöneweide von regelmäßigen Start-up-Stammtischen, von gemeinsamen Projekten mit der Hochschule und den Forschungseinrichtungen und dem damit verbundenen Kontakt zu Studierenden. Passende Mitarbeiter zu finden gestaltet sich für botspot ähnlich schwierig wie für die Wirtschaft insgesamt - doch Berlin hilft, wie Rybarczyk sagt: "Die Bereitschaft, nach hierher zu ziehen, ist hoch." München genieße international nicht den Ruf von Aufbruch und Innovation wie Berlin; zur Wahrheit gehöre dabei auch, dass das Unternehmen in München an Mietpreisen und Lohnniveau scheitern würde. "Berlin wird als Industriestandort wahrgenommen", ist der Unternehmenschef überzeugt und sagt zugleich: "Das Land könnte viel mehr daraus machen."

Langsames Anrollen Die Berliner Wirtschaftsentwicklung endete jäh mit dem Zweiten Weltkrieg. Die Teilung der Stadt im Anschluss verhinderte nicht nur größere Entwicklungen, sondern bewog beispielsweise Siemens, seinen Firmensitz teilweise nach Bayern zu verlegen. Nach dem Fall der Mauer berappelte sich die Wirtschaft nur langsam. Vor allem: Die Zentralen von börsennotierten, großen Unternehmen lagen längst anderswo; dort wurde und wird Wirtschaftskraft generiert. Erst in den vergangenen zehn Jahren begann Berlin, seinen Trumpf als Metropole auszuspielen. Die Stadt wurde internationaler und nährte damit seinen Ruf als Ort für Innovationen und Gründertum. "Ich sehe darin durchaus Parallelen zur Situation von vor mehr als 100 Jahren, wenngleich in weitaus kleinerem Ausmaß", sagt BZI-Experte Hoppe.

Kiezdenken Auf den Tourismus als Wirtschaftszweig zu setzen, habe auf der Hand gelegen. Mittlerweile hätten sich allerdings der Fintech-Bereich, also Start-ups aus der Finanzbranche, genauso wie alles rund um das Internet of things (IoT) oder die Gesundheitswirtschaft zu Schwergewichten gemausert, sagt der Geschäftsführer der Berliner Wirtschaftsförderung (Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie), Stefan Franzke. Den Vorwurf von botspot-Chef Rybarczyk, zu wenig für das industrielle Image des Landes zu tun, will Franzke zumindest nicht ganz von der Hand weisen. Die Politik erkenne immer mehr, wie bedeutsam Branchen wie die Gesundheitswirtschaft inzwischen geworden seien, sagt Franzke diplomatisch. Hoppe vom BZI verstärkt hingegen die Kritik und beklagt ein "Kiezdenken" in Teilen der Berliner Öffentlichkeit und Verwaltung, das es innovativen Unternehmen nicht immer leicht mache. Er erinnert an den Versuch von Google, sich in einem ehemaligen Umspannwerk in Kreuzberg niederzulassen (was scheiterte) und an die Querelen rund um den Beschluss für eine neue Siemensstadt zwischen Berlin und Spandau. "Dass es Tesla geschafft hat, sich in der Metropolregion durchzusetzen, ist schon ein kleines Wunder", findet Hoppe. Anekdoten über die Berliner Verwaltung haben als Kalauer ohnehin ausgedient; anderswo sei man einfach jünger, aufgeschlossener, flexibler, heißt es zuhauf von Projektentwicklern.

Franzke kontert, sein Haus verfolge in den Ansiedlungsbemühungen längst die Strategie, "innovative, wertschöpfende Start-ups" in die Metropole zu locken. Im Bereich IoT liege Berlin mittlerweile an Wertschöpfung vor München, im verarbeitenden Gewerbe gebe es immerhin fast 120.000 Arbeitsplätze. Zum Vergleich: Im Öffentlichen Dienst, dem größten Arbeitgeber in Berlin, sind es mehr als sechs Mal so viele (siehe nebenstehende Spalte). Und wenngleich die Aufholjagd absolut betrachtet andauere, habe Berlin in der Wertschöpfung im vergangenen Jahr erstmals den Bundesdurchschnitt überflügelt.

Freiräume werden knapp Zu den eingesessenen Unternehmen wie Bayer, Pfizer, Sanofi, der Deutschen Bahn und Siemens kommen unzählige Gründer aus der ganzen Welt, die hier ihre Unternehmensidee ausprobieren wollen. Man schätze diese Atmosphäre, erklärt ein Siemens-Sprecher. "Berlin repräsentiert knapp ein Drittel der Gründerszene Deutschlands, das ist ein wichtiger Aspekt." Der Konzern widmet sich Start-ups in einer eigenen Unternehmenssparte - next47, einer Anspielung auf das Jahr der Unternehmensgründung - und stellt auf dem Siemens-Areal Flächen zum "agilen Arbeiten" bereit.

Diese Freiräume wird es auch brauchen, denn sie werden knapp. Die Ressourcen, die Berlin zum neuen Wirtschaftsaufschwung verholfen haben, trocknen nach und nach aus. Die Brachen verschwinden, die Lebenshaltungskosten steigen genauso wie die Mieten für Wohnen, Büro und Gewerbe. "Das Ende des Start-up-Booms ist durch Corona verzögert worden, aber es zeichnet sich ab", sagt Karin Teichmann. Die Immobilienexpertin arbeitete früher für Berlin Partner, heute ist sie als Vorstandsmitglied der EUREF AG für die Entwicklung des Schöneberger Campus rund um den Gasometer zuständig - noch so ein Ort von damals, der zum Motor für die Entwicklung von heute geworden ist. Auf das 5,5 Hektar große Gelände darf nur ziehen, wer sich mit Energie, Mobilität und Nachhaltigkeit beschäftigt. Die Technische Universität ist vertreten, Schneider Electric, hier wird autonomes Fahren genauso erprobt wie neue Ladetechnologien für Elektrofahrzeuge, Klaus Töpfer ist mit einem Teil seiner Klimaforscher vertreten. In den unter Denkmalschutz stehenden Backsteinbauten, ergänzt durch neue Gebäude, sind 6.000 Arbeitsplätze entstanden. "Wir sind voll", sagt Teichmann. Wer sich jetzt um einen Platz bewirbt, muss warten. Die EUREF AG ist inhabergeführt, das ermöglicht eine gezielte Auswahl und Gestaltungsraum bei den Büromieten.

Wer da ist, profitiert von etwa 100.000 Fachbesuchern im Jahr, die einen Messestand ersparen - die Besucher laufen ohnehin über das Gelände. Und auch hier entstehen spontan Netzwerke, Foren, Kontakte, etwa beim Mittagessen in einem der Cafés und Restaurants rund um den Gasometer. Die stehen auch der Allgemeinheit offen, was die Akzeptanz des Campus in der Nachbarschaft bedeutend erhöht habe, sagt Teichmann. Gerade in der Anfangszeit gab es Initiativen gegen das Großprojekt und seinen Eigentümer, groß war die Angst vor Veränderung und Verdrängung im Kiez. Die scheint sich gelegt zu haben; im Moment dreht sich eher alles um die Frage: Kommt Tesla? Angeblich will Elon Musk sein Entwicklungszentrum im oder um den Gasometer einrichten. Vielleicht ist es nur ein Gerücht, vielleicht laufen wirklich Verhandlungen, vielleicht gehen sie zugunsten des Standorts aus. Aber eigentlich ist der ja voll.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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