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Ortstermin: Der Verhüllte Reichstag AUF DER EINHEITSEXPO
Helmut Stoltenberg
»Für unsere Demokratie, für unser Land, für alle«

Etwa fünf Millionen Menschen sollen im Sommer 1995 den "Verhüllten Reichstag" in Berlin gesehen haben, eine der längst legendären Projekte des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude. 25 Jahr danach faszinieren Großfotos des eingepackten Bauwerks vergangene Woche Berliner Jugendliche einer Wilmersdorfer Sekundarschule, die auf dem Luisenplatz in der Potsdamer Innenstadt vor dem Beitrag des Bundestags zur "EinheitsEXPO" stehen.

In dieser "weiträumigen Ausstellung unter freiem Himmel" präsentieren sich in Brandenburgs Landeshauptstadt seit dem 5. September neben den 16 Bundesländern auch mit Bundespräsident, Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht die Verfassungsorgane sowie weitere Partner mit Installationen, Exponaten oder sogenannten City-Cubes. Damit begeht das Land Brandenburg als Gastgeber der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung an Stelle des traditionellen Bürgerfestes, auf das pandemiebedingt verzichtet werden musste.

Der Bundestag zeigt an seinem "City-Cube" in einer Lichtprojektion großflächige Aufnahmen des von Christo und Jeanne-Claude eingepackten Reichstagsgebäudes - Bilder des Fotografen Wolfgang Volz, die es den Wilmersdorfer Schülern sichtlich angetan haben. Sie sollen ein Video über einen der Ausstellungsbeiträge drehen; entschieden haben sie sich für die Bundestagspräsentation, die die 15-jährige Kathy "voll interessant" findet. Der ein Jahr jüngere Felix ergänzt: "Dass es möglich war, das so einzupacken!". Naturgemäß konnte er das Werk vor einem Vierteljahrhundert nicht selbst bewundern, aber seine Oma habe ihm davon erzählt: "Die war dort."

Nicht vor Ort dabei waren damals auch die drei älteren Damen aus Süddeutschland, die die Aufnahmen vom verhüllten Reichstag vor 25 Jahren "leider nur aus der Ferne" sehen konnten. Aber selbst die Bilder von der Verhüllung findet die 62 Jahre alte Maria Tripolt "so eindrucksvoll" und ihre Präsentation "heute wichtiger denn je". Schließlich sei das Reichstagsgebäude "so geschichtsträchtig" und "vor kurzem fast gestürmt worden". Für umso dringlicher hält sie es, "die Bedeutung des Bauwerks für unsere Demokratie herauszustellen, für unser Land, für alle".

Damit dürfte sie nahe bei Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) sein, der in seinem Grußwort daran erinnert, dass die "Verhüllung des geschichtsträchtigen Reichstagsgebäudes" fünf Jahre nach der Wiedervereinigung "den Deutschen Wochen unbeschwerter Freude geschenkt und aller Welt ein friedliches, fröhlich und ungezwungen feierndes Deutschland gezeigt" habe. Christo, der Ende Mai im Alter von 84 Jahren gestorben ist, habe zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude ein "Ausnahmekunstwerk für unser Land" geschaffen: "Das Erlebnis des silbern schimmernden Reichstagsgebäudes ist Teil der Geschichte unseres Landes und unseres Parlaments geworden".

Der Bundestags-Cube, an dem auch ein kurzer Zusammenschnitt eines Dokumentarfilms von 1996 über den "Verhüllten Reichstag" gezeigt wird, ist wie die gesamte Ausstellung unter dem Motto "30 Jahre - 30 Tage - 30 x Deutschland" bis zum 4. Oktober zu sehen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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