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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Wartende: Marc Bernhard

A ls Marc Bernhard hörte, dass der Bundestag eine Woche dem Thema Nachhaltigkeit widmet, dachte er: Sind das jetzt unsere Probleme? Haben wir nicht dringendere? Doch dann setzte sich der 48-jährige AfD-Abgeordnete hin und arbeitete an mehreren Anträgen, welche die Fraktion in der vergangenen Woche einbrachte. Gelte es doch einen Kontrapunkt zu setzen: gegen Klimapolitik, gegen UN-Nachhaltigkeitsziele und für "intelligente Technologien".

Es ist Mittag. Bernhard setzt sich vor drei Fahnen, sie stehen für Deutschland, die AfD und Baden-Württemberg. "Eigentlich hätte diese Woche schon vor einigen Monaten stattfinden sollen", sagt er und blickt nach rechts auf ein Plakat mit dem Grundgesetz, "aber wegen Corona wurde es verschoben".

"Es ist so, dass Deutschland und die EU ihre Emissionen reduzieren, und der Rest der Welt schaut tatenlos zu. Deutschlands Anteil am CO2-Ausstoß beträgt 1,8 Prozent", meint Bernhard. Doch warum stellt sich die AfD gegen "nationale Alleingänge", wenn sie genau die fordert, wenn sie einen Antrag einbringt, der die Aufhebung der globalen Nachhaltigkeitsziele der UN formuliert? "Wenn das Pariser Klimaabkommen allen Schwellen- und Entwicklungsländern erlaubt, ihren Ausstoß bis 2030 zu erhöhen, wird klar, dass alle Einsparungen in Deutschland für das Weltklima völlig nutzlos sind."

Nun ist die AfD nicht dafür bekannt, dass sie sich für international verbindliche Klimaschutzziele einsetzt. "Der menschliche Anteil am Klimawandel ist nicht signifikant", antwortet Bernhard. Wichtig ist ihm, nicht als Neinsager wahrgenommen zu werden. Er setzt auf neue Technologien wie synthetische Kraftstoffe und neue Atom-Reaktoren, welche gar benutzte Brennstäbe gebrauchen und Atommüllprobleme vermeiden. "Wir sollten die kommenden zehn Jahre nutzen, um in neue Technologien zu investieren." Wind- und Sonnenenergie dagegen sind für ihn keine Lösung, "zu wenig effektiv, nicht grundlastfähig".

Bernhard ist Jurist, arbeitete als Anwalt im italienischen Modena und leitete später als Geschäftsführer ein IT-Unternehmen mit 350 Mitarbeitern. Und er war 22 Jahre lang Mitglied der CDU, war stellvertretender Kreisvorsitzender und im Bundesvorstand der Jungen Union. Den Kollegen von früher begegnet er heute auf den Fluren des Reichstags, man grüßt sich und diskutiert miteinander, "aber persönlich ist es nicht mehr". Bernhard trat 2013 in die neu gegründete AfD ein, er gehört dem so genannten "liberaleren" Lager an, welches sich vom rechtsextremen Kurs des ehemaligen "Flügel" abgrenzt. 2017 wünschte sich Bernhard bei seiner Kandidatur für den Bundestag, dass sich die CDU unter dem Druck der AfD auf sie zubewege. "Hier im Bundestag ist das nicht geschehen", bilanziert er, verweist aber auf Sachsen, auf die kommunale Ebene. "Wir sind einfach noch zu schwach. Es braucht noch einen Denkprozess."

Dass die AfD in den vergangenen Jahren eher einen Rechtskurs eingelegt habe, sieht er nicht. "Das würde ich nicht sagen. Maßstab der inhaltlichen Ausrichtung der Partei ist das Parteiprogramm und das ist seit Jahren dasselbe." Björn Höcke, der Flügel - vielleicht muss man Gewisses ausblenden, um weiter an ein schwarz-blaues Projekt zu glauben. In die CDU war er 1991 eingetreten, war vorher im August 1989 als Schüler für ein Jahr in die USA gegangen, fand bei seiner Rückkehr im Juli 1990 ein verändertes Land vor, spürte für sich, dass Helmut Kohl der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort sei; "mit Oskar Lafontaine hätte es gewiss keine Einheit gegeben."

Zu viel Einheit wollte er aber nicht. Er gehörte zu den Euro-Skeptikern und damit zum ersten Stamm der damaligen Anti-Euro-Partei AfD. "Die CDU ist unter Angela Merkel massiv nach links gerückt. Lesen Sie mal den Text eines CDU-Politikers von vor 15 Jahren", schlägt er vor, "80 Prozent der Leser würden sagen, das sei von der AfD." Ob das auch für seine eigenen Sätze gilt, die er als integrationspolitischer Sprecher bei der JU damals sagte, ist zu überprüfen.Jan Rübel

Aus Politik und Zeitgeschichte

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