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EDITORIAL
Jörg Biallas
Nicht neu, aber wichtig

Bei politischen Entscheidungen sollten die Folgen bedacht werden. Auch die langfristigen. Das wird niemand ernsthaft bestreiten. Kluge Politik war deshalb schon immer von einem Begriff geprägt, der aktuell Konjunktur hat: Nachhaltigkeit.

Die Tagesordnungen gleich zweier parlamentarischer Sitzungstage standen in der vergangenen Woche im Zeichen der Verantwortung für zukünftige Generationen. In den unterschiedlichen Politikbereichen wurde ventiliert, wie nachhaltig der Kurs der Regierung ist. Dabei ging es darum, die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen, ohne dass die Bedürfnisse unserer Kinder und Kindeskinder darunter leiden. Kein leichtes Unterfangen. Und gewiss eines, das nicht überall gleichermaßen gut gelingt.

In der Klimapolitik etwa hinkt Deutschland, hinkt die Welt eindeutig den selbst gesteckten Zielen hinterher. Wider besseres Wissen betreiben wir Raubbau an der Natur, der immer weniger zu reparieren ist. Von dem selbst formulierten Grundsatz, nicht mehr Ressourcen zu verbrauchen als regenerierbar sind, ist die Menschheit weit entfernt. Jeder weiß: Geschieht hier nicht bald ein grundlegender Wandel, wird die Katastrophe eines Klimakollapses nicht aufzuhalten sein.

Aber Nachhaltigkeit ist längst nicht nur Aufgabe des Staates. Jeder Einzelne ist gefragt. Die Vielfalt der Nachhaltigkeit fängt im Kleinen an: beim Teilen und Verschenken, bei der Ausgabe nicht mehr benötigter Lebensmittel, bei der ehrenamtlichen Vermittlung von Bildung, beim bewussten Einkauf, beim reflektierten Reisen.

Und doch läuft die Nachhaltigkeit Gefahr, überstrapaziert zu werden. Denn lange vor diesem Schlagwort kannte die christlich geprägte, humanistisch-aufgeklärte Gesellschaft Begriffe, die denselben Effekt hatten: Vernunft, Anstand, Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft. All das Tugenden, die sehr grundsätzlichen Charakter haben. Und mithin nachhaltig sind.

Gelegentlich blitzt der Verdacht auf, die Forderung nach Nachhaltigkeit a priori könnte den Blick auf Sinn oder Unsinn politischer Projekte verstellen. Nicht alles Notwendige, nicht alles Gute muss zwingend nachhaltig sein. Wo Nachhaltigkeit aber Bewusstsein beeinflusst, wo sie politischen Projekten die nötige Bedeutung verleiht, ist sie wichtig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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