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Ortstermin: Gedenkstunde zum Volkstrauertag
Johanna Metz
»Wir werden immer Freunde bleiben«

Kaum ein Ereignis hat das kollektive Bewusstsein der Briten in den vergangenen hundert Jahren mehr geprägt als der Zweite Weltkrieg. Mehr als 380.000 Soldaten und rund 67.000 Zivilisten haben zwischen 1939 und 1945 ihr Leben verloren, wichtige Industriestädte wie Coventry und Birmingham wurden durch deutsche Luftangriffe vollkommen zerstört. Am Ende stand der Sieg der Alliierten - aber auch ein erheblich geschwächtes Königreich.

Umso beachtlicher waren vor diesem Hintergrund die Worte von Prinz Charles anlässlich der Gedenkfeier zum Volkstrauertag am 15. November im Bundestag. 75 Jahre nach Kriegsende betonte der britische Thronfolger in Berlin, teils in fast akzentfreiem Deutsch, teils auf Englisch, die Verbundenheit seines Landes mit dem einstigen Kriegsgegner. "Wir werden immer Freunde, Partner und Verbündete sein", stellte er klar. Daran würde auch die Entscheidung der Briten für den Brexit nichts ändern. "Wir sind so sehr in die Zukunft des jeweils anderen Landes eingebunden, dass unsere nationalen Interessen - auch wenn sie unterschiedlich sein mögen - immer miteinander verflochten sein werden." Angesichts globaler Krisen wie der Corona-Pandemie, des Klimawandels oder des Verlusts an Biodiversität sei gemeinsames Handeln unbedingt erforderlich, mahnte der Prinz. Die Opfer von Krieg, Verfolgung und Gewaltherrschaft "inspirieren uns, für eine bessere Zukunft zu streiten. Lassen Sie uns dies zu unserem gemeinsamen Anliegen machen", lautete der Appell des Thronfolgers, der in Begleitung seiner Frau, Herzogin Camilla, zur Gedenkfeier nach Berlin gekommen war. Vor seiner Rede im Bundestag hatte er einen Kranz an der Neuen Wache im Zentrum der Hauptstadt niedergelegt.

Es war das erste Mal, dass ein Mitglied der Königlichen Familie an der alljährlichen Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge teilnahm. Charles Mutter, Königin Elizabeth II., hatte zum Ende des Zweiten Weltkriegs selbst Dienst im britischen Militär geleistet. 1945 ließ sich die damalige Prinzessin in einer Frauenabteilung des britischen Heeres zur Lastwagenfahrerin und -mechanikerin ausbilden.

Am Volkstrauertag erinnern Vertreter der deutschen Verfassungsorgane seit nunmehr 1952 - immer sonntags zwei Wochen vor dem ersten Advent - an die Toten von Krieg und Gewaltherrschaft weltweit. Die Begrüßungsrede hielt der Präsident des Volksbundes, Wolfgang Schneiderhan, das Totengedenken sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Wie Prinz Charles betonte auch Schneiderhan die Bedeutung von Zusammenarbeit in Zeiten der Unsicherheit zwischen und innerhalb von Staaten. Die 75-jährige Friedensepoche nach Ende des Zweiten Weltkrieges sei "keine Garantie, dass es so bleiben wird", warnte der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr. Um diesen Frieden zu erhalten, brauche es "Solidarität als Gegenentwurf zum Egoismus".

Der Volksbund fördert bereits seit hundert Jahren Versöhnung und Verständigung unter den Menschen. Im Auftrag der Bundesregierung kümmert sich die humanitäre Organisation um die Gräber von etwa 2,7 Millionen Kriegstoten auf 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten und betreut Angehörige in Fragen der Kriegsgräberfürsorge.

In der Gedenkstunde sprach neben Jugendlichen aus Deutschland, Moldawien und Israel auch die Schülerin Jasleen Singh aus Bristol. Sie habe ein "tiefes Gefühl der Traurigkeit gespürt", als sie mit ihrer Klasse Schlachtfelder in Frankreich und Belgien besucht habe, berichtete sie. Jeder Grabstein habe ein Schicksal und das vieler Angehöriger und Freunde repräsentiert. "Im Tod waren sie alle gleich. Haben wir aus dieser Lektion gelernt?", fragte Singh. Für die junge Britin kann es nur eine Lehre aus der Geschichte geben: "Die Menschen sollten sich nicht von Hass trennen lassen, sondern nach konstruktiven Lösungen für Probleme suchen."Johanna Metz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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