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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Viren und Wirte

Wozu zur Hölle sind eigentlich Viren gut? Bakterien, fein, brauchen wir, im Darm und so. Pilzkulturen, auch wichtig wegen der Antibiotika. Aber Viren? Viren sind die Populisten der Mikrobiologie: Sie haben Macht, verbreiten Angst und Schrecken, werden ohne ersichtlichen Grund immer zahlreicher, sind niemals einsichtig oder gar verhandlungsbereit und reißen sekundenschnell ein, was andere mühsam aufgebaut haben. Kanzlerin Merkel würde sagen: "Für sowas habe ich keine Zeit."

Die eifrigen Virologen, sozusagen die Anti-Terror-Einheit gegen unsichtbare Gegner, erklären das Phänomen so: Viren seien, evolutionär betrachtet, dazu da, den Wirt zu stärken. Das werden die Wirte dieser Tage nicht gerne hören, denn die haben zumeist gar keine Gäste mehr. Trotzdem haben die Virologen recht: Viren suchen sich einen Wirt, weil sie sonst nicht überleben könnten. Doppelt oder nichts, quasi wie im Kasino. Der Wirt tut derweil alles, um den ungebetenen Gast los zu werden und denkt sich dabei immer neue Tricks aus: Drohungen, Türsteher, höhere Preise. Und zack, das Virus springt woanders hin oder gar nicht mehr.

Das Prinzip ist, erdgeschichtlich gesehen, uralt, mindestens aus den 1960er Jahren. Frühe Rockgruppen haben nach Auftritten auch gerne mal das Hotelzimmer zerlegt, eine künstlerische Übersprungshandlung, und alle hatten etwas davon: Die Klatschpresse ihren Skandal, die Hotels einen legendären Ruf und die Stars ihren Spaß. Irgendwann ist Feierabend, die randalierenden Gäste sinken tot oder todmüde ins Bett, der Wirt schiebt erleichtert die Scherben zusammen und Beobachter fragen sich, was als nächstes kaputt geht.Claus Peter Kosfeld

Aus Politik und Zeitgeschichte

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