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BERLINALE
Katharina Dockhorn
»Vitale Szene«

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek über Filme, Stars und den neuen Wettbewerb des Festivals

Nach der 18-jährigen Ägide von Dieter Kosslick haben der Italiener Carlo Chatrian, zuvor künstlerischer Kopf des Festivals von Locarno, und Mariette Rissenbeek, zuvor Leiterin von German Films, die Leitung der Berlinale übernommen. Vom 20. Februar bis 1. März wird das Festival wieder Zehntausende Fachleute und Zuschauer nach Berlin locken.

Warum haben Sie mit den Encounters einen zweiten Wettbewerb etabliert?

Chatrian: Festivalprogramme müssen eine Antwort auf die technischen und ästhetischen Entwicklungen in der weltweiten Filmlandschaft geben. Nicht nur das Kino hat sich durch die Digitalisierung enorm verändert. Die Menschen sind heute ständig von bewegten Bildern umgeben. In diesem Meer von Angeboten müssen sich die Filmemacher behaupten. Sie suchen dafür ganz unterschiedliche Wege, was zu einer starken Ausdifferenzierung von Filmsprachen und Stilen in einer sehr vitalen Szene führt. Diese Filme können wir nicht alle in einer Kiste verpacken. Mit der Einführung von Encounters haben wir jetzt die Chance, jedem Werk gerechter zu werden und den Zuschauern ein passgerechteres Angebot zu machen. Wer nach Filmen sucht, die innovative künstlerische Wege beschreiten, findet sie im neuen Wettbewerb. Dort zeigen wir neben den Filmen von Newcomern "Malmkrog" des Rumänen Christi Puiu, dessen Filme mehrmals nach Cannes eingeladen waren, und "Orphea" von Alexander Kluge, dem ältesten Regisseur des gesamten Programms.

Wobei der Eindruck bleibt, dass das Profil von Panorama und Forum geschärft wurde...

Chatrian: Gemeinsam mit Christina Nord für das Forum und Michael Stütz vom Panorama habe ich die Kriterien neu justiert. Natürlich gibt es immer wieder Grenzfälle. Oft haben wir hart diskutiert, ob ein Film besser im Forum oder im Panorama aufgehoben ist. Potentiell publikumsnähere Filme sind im Panorama zu sehen, während die Freunde des Forums sich wieder auf viele spannende künstlerische Abenteuer freuen können.

Sind Sie offen für Filme von Netflix?

Chatrian: Ich habe keine Berührungsängste. Wir haben nur in diesem Jahr keine geeigneten Filme von ihnen gefunden. Dafür zeigen wir mit "Freud", der in Koproduktion mit dem ORF entstand, und "The Eddy" zwei Serien in der entsprechenden Sektion. Die Streaming-Dienste haben insgesamt enorme Bewegung in den Markt gebracht, die ich mit großer Spannung verfolge. Mit Apple und Disney kommen in diesem Jahr zwei weitere Anbieter hinzu. Andererseits beobachte ich, wie sich die Grenzen verwischen. Die Dramaturgie von Filmen wird von der erfolgreichen Serienstruktur beeinflusst. Es muss individuell pro Film entschieden werden, ob es Sinn ergibt ihn beim Festival zu zeigen. Selbst im Wettbewerb könnten Plattformfilme laufen, wenn sie für eine Kinoauswertung vorgesehen sind.

Sie gelten als Gegner des Star-Kinos. Kann das Festival auf sie verzichten?

Chatrian: Ich bin kein keine Gegner des Star-Kinos. Ich freue mich auf Johnny Depp, Cate Blanchett und Sigourney Weaver, die ich für ihr brillantes Spiel in Hollywood-Blockbustern und anspruchsvolleren Filmen bewundere. Natürlich brauchen wir bekannte Stars. Die Geschichte der Berlinale beweist aber auch, dass die Berliner und die treuen Gäste Lust haben, neue Gesichter zu entdecken. Zudem ist Berlin ja eine weltoffene Metropole. Vielleicht werden dieses Jahr koreanische und deutsche Fans Choi Woo zubeln, der in "Time to hunt" spielt und vom Cannes- und Oscar-Gewinner "Parasite" bekannt ist.

Sind die Jahre vorbei, in denen dem deutschen Film bei der Berlinale der rote Teppich ausgerollt wurde?

Chatrian: Für deutsche Filme gelten die gleichen Maßstäbe bei der Auswahl wie für alle Filme. "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani, "Undine" von Christian Petzold und "DAU.Natasha" der in Deutschland aufgewachsenen Ko-Regisseurin Jekaterina Oertel brauchen den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Es gibt 2020 in allen Sektionen deutsche Filme, Heinz Emigholz' "Die letzte Stadt", Melanie Waeldes "Nackte Tiere" laufen zum Beispiel in den Encounters. Wir haben mit Linda Soeffker, der Verantwortlichen für die "Perspektive deutsches Kino", diskutiert, ob wir den einen oder anderen Film aus dem Nachwuchsbereich auch für den Wettbewerb finden.

Sie haben nach den Enthüllungen über die nationalsozialistische Vergangenheit des ersten Berlinale-Leiters Alfred Bauer, den nach ihm benannten Preis ausgesetzt. Wie geht es weiter?

Rissenbeek: Wir werden Historiker mit der weiteren Recherche beauftragen. Auf der Grundlage ihrer Erkenntnisse, inwieweit der Berlinale-Direktor von der Gründung 1951 bis 1976 einst im Nazi-Propagandaapparat involviert war, werden wir entscheiden, ob wir den Preis in der jetzigen Form weiter vergeben.

Wissen Sie bereits, ob der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, dem 2017 bei der Rückkehr vom Festival aus Cannes der Pass abgenommen und der dann im Vorjahr wegen "Propaganda gegen den Staat" zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, nach Berlin kommen wird?

Chatrian: Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre befürchte ich, dass die Einladung der Berlinale keinen Offiziellen im Iran überzeugen wird, ihm ein Visum auszustellen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf und arbeiten mit seinen deutschen Koproduzenten daran, dass er der Aufführung seines Films "There is no Evil" in Berlin erleben kann.

Warum ist Gastland Chile nur mit dem Klassiker "El tango del viudo y el espejo defromante" von Raúl Ruiz aus dem Jahre 1967 vertreten, der das Forum eröffnen wird?

Chatrian: Wir bedauern diese Situation sehr, die nicht absehbar war, als die Partnerschaft des European Film Market mit Chile geschlossen wurde. Aber die Produktionszyklen passen nicht immer zu Festivalterminen, so dass viele Filme noch gar nicht zur Verfügung stehen konnten. Die chilenische Filmindustrie ist aber mit vielen Projekten im Markt vertreten. Wir hoffen, dass sie in den kommenden Jahren zum Festival kommen.

Insgesamt haben Sie 60 Filme weniger im Programm als 2019. Können Sie trotzdem wieder 340.000 Tickets absetzen?

Chatrian: Wir setzen uns keine Richtzahl bei der Auswahl, die wir mit allen Mitteln erreichen wollen. Die Qualität muss stimmen. Wir haben zwar ein paar Vorstellungen weniger. Aber ich bin optimistisch, dass wir die Zahl der verkauften Tickets wieder erreichen.

Wie werden Sie das Fehlen des Kinos Cinestar kompensieren?

Rissenbeek: Das Cubix am Alexanderplatz, das die Berlinale in den vergangenen Jahren teilweise nutzte, konnten wir vollständig für Presse- und Publikumsvorstellungen anmieten. Größere Kopfschmerzen bereitete uns der Wegfall von mehreren Sälen des Cinestar für den European Film Market. Wir konnten ihr Fehlen mit der Anmietung von zwei Sälen in der Staatsbibliothek sowie mit der Einrichtung von zusätzlichen Screeningmöglichkeiten im Marriott und in Containern kompensieren. Alle Vorführwünsche können so erfüllt werden. Für 2021 hoffen wir, dass die Neuvermietung der Räume des einstigen Cinestar wieder an einen Kinobetreiber gehen und wir die Räume wieder nutzen können.

Ist der Bau eines Filmhauses vom Tisch?

Rissenbeek: Die Idee wird gerade wiederbelebt. Das wird aber eher ein Bürostandort sein und vielleicht ein, zwei kleine Kinos umfassen. Das früheste Eröffnungsdatum wäre 2027. Das Filmhaus kann jedoch weder die Kapazitäten in den Kinos am Potsdamer Platz noch den Berlinale-Palast ersetzen. Ein Kinosaal dieser Dimension ist außerhalb der Berlinale nicht rentabel zu betreiben.

Wünschen Sie sich stärkere Unterstützung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), um den Potsdamer Platz als Berlinale-Ort zu erhalten?

Rissenbeek: Monika Grütters hat stets betont, dass sie die Berlinale an diesem Ort erhalten will. Denn das Festival ist wichtig für die Stadt Berlin und die hiesige Filmlandschaft. Der European Film Market als essentieller Bestandteil der Berlinale ist zudem die zentrale Anlaufstelle für die deutsche und internationale Industrie. Jeder ist bei uns willkommen, um Kontakte zu knüpfen, seine Filme zu präsentieren und neue Projekte anzuschieben.

Wie haben Sie die Finanzierung trotz des Absprungs von zwei Hauptsponsoren gemeistert?

Rissenbeek: Sie hatten uns vor einem Jahr signalisiert, dass sie ihre auslaufenden Verträge nicht erneuern werden. Mit Magenta TV konnten wir einen neuen Sponsor aus der Medienbranche gewinnen. Auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg hat sein Engagement erweitert und stiftet nun den Dokumentarfilmpreis. Gleichzeitig bewilligte uns der Bundestag einen um zwei Millionen höheren Zuschuss zu unserem Etat von rund 27 Millionen Euro. Wir sind dankbar, dass das Festival von den Abgeordneten so hoch geschätzt wird.

Das Interview führte Katharina Dockhorn.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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