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Gastkommentare : Brauchen wir mehr Pfandsysteme? Ein Pro und Contra

Die einen sehen darin den Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft, die anderen bloß Belastungen für Verbraucher. Heike Holdinghausen und Richard Fuchs im Pro und Contra.

26.07.2021
True 2026-01-26T15:14:32.3600Z
3 Min

Pro

Notwendiges Mittel: Pfand ist die Voraussetzung dafür, dass Rohstoffe im Kreislauf geführt werden

Foto: Privat
Heike Holdinghausen
Die Autorin arbeitet für die "taz".
Foto: Privat

Warum bringen fast alle Kunden ihre Wagen nach dem Einkauf brav zurück in die Wagenschlange? Weil sie ihren Euro wieder haben wollen. Jede Wette: Ohne Pfand würden die Wagen kreuz und quer in den Super- und Baumärkten herumstehen. "Einkaufswagen-Littering" gibt es nicht, dafür aber jede Menge gebrauchter Verpackungen in der Landschaft und den Meeren, neudeutsch "Littering". Wohnungen und Häuser sind vermüllt, alte Elektronikgeräte verstauben in Kellern und bilden eine große anthropogene Lagerstätte für Rohstoffe. 

Noch größere Abfallströme wälzen sich auf uns zu: Die Millionen Tonnen von Lithium-Ionen-Batterien aus Akkuschraubern oder E-Bikes, zu schweigen von denen aus E-Autos. Wenn es gut läuft, gelangen sie in die vorgesehenen Verwertungswege und werden recycelt. Läuft es schlecht, landen die kleinen Batterien in der Müllverbrennung, die großen Autobatterien per illegalem Export in Ländern des globalen Südens, wo sie unter hohen ökologischen und sozialen Kosten ausgeschlachtet werden. 

In einer Kreislaufwirtschaft, die Klima, Natur und Rohstoffe schont, darf es nicht schlecht laufen. Um sicher zu stellen, dass wertvolle Rohstoffe aus alten Dingen da landen, wo sie hingehören - in den Fabriken der Hersteller - sollten sie bepfandet werden. Ein entsprechend hoher Pfand ist die Voraussetzung dafür, dass Autobatterien und Smartphones zurückgegeben und ihre Rohstoffe im Kreislauf geführt werden. Das gilt für jegliche Getränkeflaschen sowieso, hier verbunden mit der Pflicht zu Mehrwegflaschen in Poolsystemen. Dass der Marktanteil der nachhaltigen Sprudel- und Bierflaschen seit Jahren sinkt, ist für eine Gesellschaft, die in einer Kreislaufwirtschaft leben will, absurd.

Contra

Nutzlose Schikane: Politik muss Plastikmüll verhindern, bevor er entsteht

Foto: Fuchs/Sven Falge
Richard Fuchs
Der Autor ist als freier Journalist tätig.
Foto: Fuchs/Sven Falge

Die einfachste Möglichkeit, um Müll zu vermeiden, ist es, ihn gar nicht erst entstehen zu lassen. So banal diese Binsenweisheit klingt, so zielführend ist sie als Kompass für die politische Auseinandersetzung mit dem Thema Müll. 2019 wurde hierzulande pro Kopf im Schnitt 76 Kilogramm Plastikmüll produziert. Wir Deutschen zählen damit zu Europas größten Plastiksündern. Doch wer am Ende des Abfallkreislaufs versucht, dem Kunststoffmüllberg mit komplizierten und unwirksamen Pfandsystemen beizukommen, der wird scheitern. Warum? Ganz einfach: Weil Müll, der in der Welt ist, mit viel Ressourcenaufwand wieder aus der Welt geschafft werden muss. Ein Pfandsystem für gewöhnliche Plastikverpackungen wäre also vor allem eines: Eine Schikane für Endverbraucher, mit wenig Aussicht darauf, am Grundproblem etwas zu ändern.

Politik muss Plastikmüll verhindern, bevor er entsteht. Das viel gescholtene, aber meistens doch sehr zielführende Ordnungsrecht kann genau diese Steuerung bewerkstelligen. 

Das Leitbild sollte dabei sein: Wer viel Müll produziert, soll viel bezahlen. Wer wenig Müll in Umlauf bringt, sollte belohnt werden. In politische Programme gepackt bedeutet das: Aufwendig verpackte Güter sollten mit einer zusätzlichen Verpackungsumlage teurer, unverpackte Güter dagegen durch eine Nicht-Besteuerung günstiger werden. Das setzt dort an, wo die Marktwirtschaft ihre größte Hebelwirkung für Plastikmüllproduzenten entfaltet: Beim Preis, den die Endverbraucher bereit sind zu zahlen - oder eben nicht. Die Empfehlung lautet, sich dem Müll dort entgegenzustellen, wo er entsteht.

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