Inhalt

Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Diplomat: Alexander Graf Lambsdorff

A ls Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe hat Alexander Graf Lambsdorff es nicht weit nach Israel. Eigentlich liegt es vor der Haustür seines zweiten Wohnsitzes in Berlin - mit den vielen Restaurants, Kneipen, Synagogen, Firmen und anderen Treffs, die jene ungefähr 20.000 jungen Israelis geschaffen haben, welche nach Berlin gezogen sind. "Es erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit, dass sich Israelis in der deutschen Hauptstadt wohlfühlen können", sagt der FDP-Vizefraktionschef für Außenpolitik im Bundestag. "Viele jüdische Familien haben ihre Wurzeln in Osteuropa, vielleicht spielt Berlins Lage im Osten eine Rolle", sagt der 54-Jährige und zählt weiter auf: Da ist noch die "coole Reputation" der Stadt, auch ein Cluster-Effekt für die IT-Szene. "Bonn hatte nie diesen großstädtischen Appeal", sagt Lambsdorff, der im heutigen Zweit-Regierungssitz aufwuchs und noch immer dort wohnt.

In Gesprächen mit Juden über ihr Leben in Deutschland begegnet ihm oft ein "Ja, aber...", Lambsdorff benennt den steigenden Antisemitismus hierzulande. "Die Alija, die jüdische Einwanderung nach Israel, ist als Denkfigur bei vielen präsent", sagt er. Da sei die AfD mit ihrer Forderung nach einer 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur, der gewaltbereite Antisemitismus wie der Anschlag auf die Synagoge in Halle oder die negativen Reaktionen, die das Tragen einer Kippa zuweilen hervorrufen - mit dem altbekannten Antisemitismus als eine Kontinuität in der deutschen Geschichte und mit neuen Hassformen von Eingewanderten, in deren Herkunftsländern die Ablehnung Israels als Land in arabischen Schulbüchern gelehrt wird. "Das alles ist uns eine stete Verantwortung."

Als Politiker sieht Lambsdorff in Zeiten der Verunsicherung durch Globalisierung, Digitalisierung und Migration eine Sehnsucht bei manchen nach alten Mustern, zum Beispiel "jemanden ablehnen zu können", eine Tendenz zu einfachen Antworten, die "nichts lösen. Deutschland wird bunter werden". In diesem "permanenten gesellschaftlichen Aushaltungsprozess, was zu dulden ist und was nicht" agiert also Lambsdorff im Bundestag. Die Arbeit als Vorsitzender der Gruppe beschreibt er als parlamentarische Diplomatie. "Man vertritt den Bundestag, nicht die Fraktion."

Für Lambsdorff ist das ein wenig zurück zu den Wurzeln. Ab 1995 wurde er zum Diplomaten ausgebildet, arbeitete später im Planungsstab des Auswärtigen Amts, als Büroleiter bei Klaus Kinkel im Bundestag und im Pressereferat der Deutschen Botschaft in Washington D.C. Warum dann der Wechsel als Abgeordneter in der Legislative? "Mein Motiv war die Freiheit", fasst er zusammen. "Im Diplomatischen Dienst ist man nach innen frei, nach außen hin aber vertritt man die Regierungsmeinung." Im Jahr 2000 war er 33 und bewarb sich um ein Landtagsmandat in NRW, "eine klassische Zählkandidatur im aussichtslosen Bonner Norden mit überraschend guten elf Prozent". 2004 dann der Einzug ins Europäische Parlament, in dem er die FDP bis 2017 vertrat; 2001 schon war er in den Bundesvorstand der FDP gerückt.

Begonnen hatte sein politisches Engagement klassisch, mit dem Kleben von Plakaten in Wahlkämpfen, mit ehrenamtlichen Ämtern auf Orts-, Kreis- und Bezirksebene - oder noch viel früher? Lambsdorff ist in einer politischen Familie groß geworden. Sein Vater Hagen Graf Lambsdorff ein Journalist und Botschafter, sein Onkel Otto Graf Lambsdorff Bundeswirtschaftsminister. War sein Weg vorgezeichnet? "Würde ich nicht sagen", entgegnet er, "aber ich habe schon in jungen Jahren viel von internationaler Politik und anderen Ländern kennengelernt. Da wuchs das Interesse rasch".

All dies sind Erfahrungen, die nun der Aufgabe als Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe helfen. "Israel fasziniert mich seit langem", sagt er. "Das Land ist auch außenpolitisch sehr relevant."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag