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SULZBACHER TORAROLLE
Alexander Weinlein
Gottes Gesetz im Haus der Gesetzgebung

Nach mehr als 200 Jahren wird sie wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung übergeben

Sie überdauerte mehr als zwei Jahrhunderte, überlebte den Stadtbrand in der Gemeinde Sulzbach in der Oberpfalz von 1822 und die Novemberpogrome von 1938. Am 27. Januar dieses Jahres wurde die 2015 wiederentdeckte und restaurierte Torarolle von Amberg im Anschluss an die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Andachtsraum des Reichstagsgebäudes feierlich fertiggestellt. Rabbiner Shaul Nekrich von der Jüdischen Gemeinde Kassel schrieb die letzten acht Buchstaben mit einem Gänsekiel und koscherer Tinte ans Ende der Torarolle.

Paten der mit Mitteln des Bundes restaurierten Torarolle sind die Repräsentanten der höchsten Verfassungsorgane Deutschlands: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsident Reiner Haseloff und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth. "Als Repräsentanten aller Verfassungsorgane bringen wir mit diesem ungewöhnlichen und in dieser Form einzigartigen symbolischen Akt die staatliche Selbstverpflichtung zum Ausdruck, jüdisches Leben in Deutschland zu ermöglichen und zu schützen", sagte Schäuble anlässlich der Zeremonie, an der auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sowie der Amberger Rabbiner Elias Dray teilnahm.

Elias Dray hatte die Torarolle 2015 in einem versteckten Schrein der Amberger Synagoge die Sulzbacher Torarolle entdeckt. Sie trägt die Inschrift "Sulzbach" und auf ihrer Halterung die Jahreszahl "5553" nach dem jüdischen Kalender, was dem Ende des Jahres 1792 und Anfang des Jahres 1793 im gregorianischen Kalender entspricht. Da die Tora durch den langen Gebrauch und Lagerung abgenutzt und die Schrift stark verblichen war, galt sie nicht mehr als koscher und konnte nicht mehr rituell genutzt werden. Üblich wäre in einem solchen Fall, sie auf einem jüdischen Friedhof zu begraben. Doch Dray gab die Hoffnung nicht auf, die von Experten geschätzten Restaurierungskosten von bis zu 50.000 Euro aufzubringen. Tatsächlich übernahm dann der Bund die Kosten und die Torarolle wurde in Israel ein Jahr lang aufwändig restauriert. Das Pergament wurde stabilisiert und alle Buchstaben per Hand mit Tinte nachgezeichnet. Lediglich acht Buchstaben am Ende der Schrift fehlten noch.

Entstanden war die aus 30 Tierhäuten zusammengefügte, 24 Meter lange und 65 Zentimeter hohe Torarolle in Sulzbach, das vom 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhundert über ein blühendes jüdisches Gemeindeleben verfügte. Nach Auflösung der Gemeinde kam die Tora 1934 nach Amberg. Dorthin soll sie im Juni zurückkehren und in der Synagoge wieder im Gottesdienst genutzt werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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