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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Nahezu jeder in Deutschland hat schon einmal von Rezo und der "Zerstörung der CDU" gehört. Inzwischen nutzen die politischen Parteien in den sozialen Netzwerken die Werbe- und Selbstdarstellungsindustrie der Influencer, um junge, netzaffine Zielgruppen zu erreichen. Die wachsende Bedeutung dieser "Werbekörper", die für Konsumprodukte, Lifestyle, Technik und Reisen trommeln, haben der Youtuber und Podcaster Wolfgang M. Schmidt sowie der Soziologe und freie Journalist Ole Nymoen untersucht. Neue Methoden und Begrifflichkeiten werden analysiert, außerdem Konsumismus, Kommerz und Konformität kritisch hinterfragt und die insgesamt antiaufklärerische Wirkung der Influencer offengelegt.

In der informativen Streitschrift kann man nachlesen, wie die neue Konsumwerbung funktioniert. Beim Kampf gegen überflüssige Pfunde oder beim Auftragen des Lippenstifts werden die Produkte politisch und moralisch aufgeladen. So wird auf die miserable Klimabilanz herkömmlicher Kosmetikprodukte hingewiesen, um anschließend für einen "besonders nachhaltigen" Lippenstift zu werben. Die Autoren stellen fest: Die Influencer sind eine neue Kategorie Produktwerber im Zeitalter des Spätkapitalismus. Gleichzeitig bedeuten sie eine "ernst zu nehmende Gefahr, da sie antiaufklärerisch agieren und ihre Follower manipulieren".

Erst unlängst setzte sich der Satiriker Jan Böhmermann kritisch mit Influencern auseinander, die sich aus Dubai melden und die vermeintlich paradiesischen Zustände bewerben. Dass es im Emirat massive Menschenrechtsverletzungen gibt - geschenkt! Unterdessen verkündet die Milliardärin und Influencerin Kim Kardashian ihren mehr als zweihundert Millionen Followern, dass sie jetzt Jura studieren und sich für die Abschaffung der Todesstrafe in den USA einsetzen will. Welche Produkte sie dabei bewerben wird, bleibt abzuwarten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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