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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Juristin: Manuela Rottmann

D en überm Reichstag kreisenden Hubschrauber hört Manuela Rottmann nicht. "Ich hab mir zur Ablenkung ein paar Petitionsakten vorgenommen", sagt sie. Mal wieder kein normaler Tag im Bundestag: Es ist Mittwoch, gerade hat das Parlament eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes beschlossen, besser bekannt unter dem Begriff "Bundes-Notbremse" - mit weitergehend einschränkenden Maßnahmen, um der Ausbreitung des Coronavirus besser zu begegnen. Draußen demonstrieren Kritiker dieses Gesetzes, gehen in Raufereien mit Polizeibeamten; Rottmann hat von all dem bisher nichts mitgekriegt, "ich bin seit 7:30 Uhr im Reichstag".

Die Notbremse sieht sie mit gemischten Gefühlen, wie die meisten Grünen hat sie sich enthalten. "Es ist nach wie vor richtig, dass wir versuchen die Pandemie gemeinsam zu bekämpfen, das ist kein grünes, schwarzes oder rotes Thema", fasst sie zusammen, "und wir suchen weiterhin den konstruktiven Dialog mit der Regierung" und macht eine Atempause. "Aber dieser Entwurf kommt sehr spät, ist verfassungsrechtlich problematisch und unausgewogen." Ablehnen wäre, meint sie, wegen des Ernstes der Lage nicht das richtige Signal gewesen. So bleibe ein mulmiges Gefühl. "Wie oft muss man noch Kassandra sein, sich vorkommen wie bei 'Und täglich grüßt das Murmeltier'?"

Rottmann saß in den vergangenen Monaten zwischen den Stühlen. Sie ist Obfrau im Rechtsausschuss, aber auch stellvertretendes Mitglied im Gesundheitsausschuss. "Ich habe durchaus große Spannungen erlebt", erinnert sie sich: Auf der einen Seite der Blick auf die Gesundheit, auf der anderen jener auf die Rechtsstaatlichkeit. "Rechtspolitiker fast aller Fraktionen sind nun näher beieinander, und das gleiche gilt für Gesundheitspolitiker." Eine gemeinsame Sitzung sei zwar angedacht gewesen, man habe das aber bisher nie geschafft. "Dabei hätte es gut getan, über die verschiedenen Sichtweisen gemeinsam zu diskutieren." Überhaupt macht sie eine Erschöpfung bei der Konsensfindung aus, "diese Krise war zu lang für die Ministerpräsidentenkonferenz, es braucht nun eine klare Zuständigkeit".

Ihren juristischen Blick hatte Rottmann mit der Ausbildung zur promovierten Volljuristin in Frankfurt am Main geschärft. Die in Würzburg Geborene war rasch Klassen- und Schülersprecherin, entwickelte sich zur "Leseratte", was in ihrer Familie erstmal nicht alltäglich war: der Vater Polizeibeamter, die Mutter Kellnerin, in der Verwandtschaft Handwerker und Landwirte. Rottmann wuchs in einem von der CSU geprägten Milieu auf, das sie "herausforderte". Wurde Bundessprecherin der "Grünen Jugend" und studierte Jura - auch, weil es ihr "solide" vorkam, "wer aus einfachen Verhältnissen kommt, legt vielleicht mehr Wert darauf". An der Fakultät indes habe sie sich von der ersten Vorlesung an am richtigen Platz gefühlt, "man wurde zum Widerspruch erzogen". Berufspolitikerin - das sei ihr jahrelang nicht in den Sinn gekommen. Stattdessen wechselte sie nach sechs Jahren als hauptamtliche Dezernentin im Frankfurter Magistrat als juristische Referentin zu DB Consult. 2017 dann doch die Kandidatur für den Bundestag: Mitunter genervt von den schlechten Zugverbindungen zwischen Frankfurt und ihrer nicht weit entfernten Heimat, reizte es sie Wahlkampf für den ländlichen Raum zu machen - der Rest ist Geschichte. "Eine Routine habe ich noch nicht entwickelt", sagt sie unumwunden, "die Arbeit ist durchaus kräftezehrend und geht an die Seele". Eine zweite Legislatur strebe sie zwar an, allein wegen der langanhaltenden Einarbeitung, "aber in Rente gehen werde ich nicht als Abgeordnete".

Bei allem Reiz zum Widerspruch zeigt sich bei Rottmann ein nicht zu übersehender Hang zum Basisdemokratischen. Die Demos vor der Tür? "Inhaltlich natürlich nicht mein Ding, aber nun gibt es mit der Bundestagszuständigkeit einen Ort, an den sich diese Demonstranten wenden können." Und die vielen Talkshows zu Corona? "Ein Pandemierat wäre mir lieber gewesen. Wir brauchen wissenschaftliche Rede und Gegenrede an einem Tisch."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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