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Truppenabzug
Cem Sey
Düstere Aussichten

Während die Soldaten packen, spitzt sich die militärische und politische Lage in Afghanistan zu

Es wird kein hastiges Rennen hin zum Ausgang geben", war sich der US-Präsident sicher, als er am 14. April verkündete, dass sich die US-Armee nach zwei Jahrzehnten Präsenz am Hindukusch zurückziehen werde. Entgegen dem dringenden Rat seiner Militärs setzte Joe Biden den Abzug in Gang.

Biden realisiert damit ausgerechnet die Abmachung, die sein Vorgänger Donald Trump mit den afghanischen Taliban ausgehandelt hatte und die er, wie er betonte, so und in dieser Form nicht akzeptiert hätte. Ursprünglich sollten die Truppen bereits zum 1. Mai "raus" aus Afghanistan sein. Nun ist der offizielle Abzugstermin der bedeutungsschwangere 11. September. Der fällt in diesem Jahr mit dem 20. Jahrestag von "9/11" zusammen, dem Tag des Anschlags auf das World Trade Center in New York. Tausende waren ihm zum Opfer gefallen, er hatte die militärische Intervention in Afghanistan provoziert. Heute möchte Washington so schnell es geht weg vom Schlachtfeld Afghanistan.

Die US-Administration wie auch ihre Nato-Verbündeten sind bemüht, dem Ganzen den Anschein eines geordneten Rückzugs zu geben. Es gilt, die knapp zehntausend Nato-Soldatinnen und Soldaten, darunter 2.500 US- und rund tausend Bundeswehrsoldaten, im Eiltempo aus dem heftig umkämpften Land zu holen. Auch die Bundeswehr operiert dabei im internationalen Abzugstakt: Erst fliegen zusätzliche Soldaten ins Einsatzgebiet, um die Operation zu sichern. Dann wird das Kriegsmaterial heimgeflogen. Alles was man den Afghanen verkaufen kann, wird verscherbelt, der Rest vernichtet. Schließlich fliegen auch die Truppen nach Hause. Laut Bundeswehr wird selbst der Heldenhain, der den 59 im Einsatz Gefallenen gedenkt, nach Deutschland transportiert und wieder eingerichtet.

Technisch wird alles reibungslos klappen, daran zweifelt kaum jemand. Und doch wirkt der Abzug ganz genau wie ein "hastiges Rennen hin zum Ausgang".

Politische Niederlage Der Drang zum Rückzug erklärt sich weniger militärisch - es hat nie schwere Niederlagen gegeben -, sondern aus einer insgeheim wahrgenommenen politischen Niederlage. Zwar mangelt es nicht an Erfolgsmeldungen, die vor allem aus den Hauptstädten der Nato-Partner kommen. Washington betont, Al-Qaida sei verdrängt. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) verweist auf Mädchenschulen in Afghanistan. Weniger gerne spricht man jedoch von den steigenden, unkalkulierbaren Risiken, die alle durchaus echten Errungenschaften im Handumdrehen zunichtemachen könnten.

Die Taliban seien im Stande, mit ihren heftigen Angriffen das Land wieder ganz unter ihre Kontrolle zu bomben, unken die Pessimisten. Die 300.000 Mann (und wenige Frauen) starke afghanische Armee, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten von Nato-Soldaten ausgestattet und ausgebildet wurde, sei in der Lage sich und die Republik gegen die Taliban zu verteidigen, sagen die Optimisten.

Dabei ist einer der größten Risikofaktoren die afghanische Regierung selbst. Denn die ist, trotz aller Unterstützung, trotz Wohlwollen und Finanzspritzen aus dem Westen, labil. Die fragwürdigen Wahlergebnisse nach den Wahlen 2015 und 2019 haben im ethnisch fragmentierten Afghanistan Krise um Krise heraufbeschworen und zum zeitweiligen Regierungspatt geführt.

Das wahrscheinlichste Szenario dürfte in der Mitte liegen: Territorialgewinne in den Provinzen für die Taliban, bei zeitgleichem Halten der Städte durch die afghanischen Sicherheitskräfte. Hier lebt heute die große Mehrheit der Bürger, zumindest so lange die internationale Gemeinschaft ihre logistische und finanzielle Unterstützung aufrechterhält.

Doch ist hierauf Verlass? Die logistische Unterstützung schwächelte bereits vor dem konkreten Abzug. Mit den Truppen verlassen nun auch Heerscharen sogenannter "Contractors" das Land, zivile Experten, die im Auftrag der US-Regierung die afghanischen Techniker ausgebildet, das beschädigte Kriegsmaterial repariert und die Bodentruppen mit genauen militärischen Zielinformationen versorgten.

Auch die für die Bekämpfung der Freischärler der Taliban entscheidende Luftunterstützung wird künftig eher am Boden bleiben. Bisher eilten die US-Jets von den Flughäfen Bagram und Kandahar aus den afghanischen Truppen zur Hilfe, wenn diese in Bedrängnis gerieten. Stand heute ist die afghanische Luftwaffe nicht in der Lage, diese effiziente Unterstützung zu gewährleisten. Es wird von Hubschraubern berichtet, die nach Kampfhandlungen nicht mehr repariert werden können, oder von Radaranlagen, die nicht mehr funktionsfähig sind. Flugzeuge können bereits zwei Monate nach dem Abzug der US-Truppen vom Flughafen Kandahar dort nur noch bei Tageslicht landen.

Die Hoffnung der US-Planer, Luftunterstützung aus Stützpunkten in Nachbarländern anbieten zu können, schwindet. Denn die Verhandlungen mit den Ex-Sowjetrepubliken Usbekistan oder Tadschikistan verlaufen zäh. Offensichtlich rächt sich nun die politische Konfrontation mit Russland, das in diesen Ländern weiterhin sehr einflussreich ist. Nicht einmal auf einen Stützpunkt in Pakistan dürfen die USA hoffen. Denn Washingtons Beziehung zu Islamabad ist seit der Tötung Osama bin Ladens auf pakistanischem Boden höchst angespannt. Die Taliban drohten Pakistan kürzlich mit "schmerzhaften Schlägen", sollte es den USA Unterstützung gewähren.

So müssen die US-Strategen für eine Luftunterstützung Kabuls auf ihre Flugzeugträger im Arabischen Meer oder die Stützpunkte im Mittleren Osten ausweichen, was eine echte Herausforderung ist. Denn die Strecke ist so lang, dass die Jets in der Luft zwischenbetankt werden müssen. Hilfe in Notfällen kann erst nach mehreren Stunden erfolgen.

Afghanistan werde keinesfalls allein gelassen, betonen westliche Politiker immer wieder bei ihren Besuchen in Kabul. Dennoch haben sie die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des Konflikts nicht ganz aufgegeben. Wie das alles funktionieren soll, wird aber von Woche zu Woche unklarer. Denn die sich seit dem Abzug stetig verschlechternde Sicherheitslage bringt selbstverständlich auch die diplomatischen Vertretungen in Bedrängnis. Australien hat seine Botschaft in Kabul bereits geschlossen. Die USA und Großbritannien riefen ihre Staatsbürger auf, das Land zügig zu verlassen.

Aufpasser gesucht Mindestens der Flughafen Kabul solle auch künftig so sicher sein, dass die Diplomaten ein- und ausreisen können, heißt es kleinlaut aus den Hauptstädten der westlichen Welt. Daher wollen die Nato-Strategen ihren Bündnispartner Türkei zum Aufpasser des Flughafens machen. Die Türken, die diese Aufgabe in der Vergangenheit schon mehrfach übernommen haben und daher die praktischen Herausforderungen kennen, stellen aber Bedingungen. Genaueres darüber ist noch nicht bekannt. Doch Washingtons Kontakte zu Ankara sind ebenso angespannt, wie die zu Moskau oder Islamabad. Erst kürzlich wurden die Türken von der gemeinsamen Produktion der F-35-Kampfjets ausgeschlossen, worauf Ankara wütend reagierte.

Die Taliban erklärten bereits, den türkischen Schutz des Flughafens entschieden abzulehnen. Sie sähen in der türkischen Armee zwar keinen Feind, da es sich um muslimische Brüder handele. Dennoch fordern die Taliban auch ihren Rückzug gemeinsam mit den anderen "Fremdbesatzern". Die türkische Regierung wiederum erklärt seit Jahren, sie beabsichtige nach dem Ende des Nato-Einsatzes in Afghanistan bleiben zu wollen - aber die Taliban sind nicht interessiert.

Letztlich stehen auch die dringend benötigten Finanzhilfen für Afghanistan durch den Abzug auf wackeligen Füßen. Bei der letzten großen Geberkonferenz Ende 2020 stellten 66 Staaten und 32 internationale Organisationen Kabul insgesamt 13 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Ob die versprochenen Beträge tatsächlich fließen werden? Und selbst wenn, kann diese Summe nicht den tatsächlichen Finanzbedarf decken. Armut, Dürre und die Corona-Pandemie machen Afghanistans Chancen auf Selbstversorgung zunichte. Um allein den mehr als 18 Millionen in Not lebenden Menschen humanitäre Hilfe zu leisten, benötigen die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen rund 1,3 Milliarden US-Dollar, schrieben sie jüngst in einer gemeinsamen Erklärung. Bisher flossen lediglich knapp 170 Millionen US-Dollar, also nur 13 Prozent des schon heute dringenden Bedarfs.

Angesichts der katastrophalen Aussichten sitzen Tausende vor allem der besser ausgebildeten Afghaninnen und Afghanen auf gepackten Koffern. Immerhin wird Afghanen und deren Familien, die den internationalen Truppen geholfen und mit ihnen zusammengearbeitet haben, Aufnahme in westliche Länder in Aussicht gestellt (siehe Seite 1 und 2). Dabei sind solche Fluchtbewegungen immer auch der im Heimatland befürchtete "brain drain" derjenigen, die für einen Wiederaufbau dringend benötigt werden, warnte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) kürzlich.

Durchhalteparolen Der überstürzte Abzug erwischt vor allem die afghanische Regierung kalt. Unvorbereitet und geschwächt wirken deren Durchhalteparolen kaum vertrauenserweckend. Sie beteuert zwar, dass ihre Streitkräfte das Land ohne die internationalen Truppen besser verteidigen könnten, hat aber politisch wenig vorzuweisen. Die Friedensverhandlungen mit den Taliban, die im Abkommen mit den USA fest vereinbart waren, kommen nicht vom Fleck. Seitdem der Abzug beschlossen ist, spielen die Taliban nur noch auf Zeit und machen keine Kompromisse.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani hofft derweil verzweifelt auf eine Kooperation mit China. Das könnte damit gelockt werden, das Sicherheitsrisiko eines islamistischen Aufstands in der Xinjiang-Region, die an Afghanistan angrenzt, via Kabul zu minimieren. Dass dies China zu mehr Engagement am Hindukusch verleiten könnte, ist aber nur schwer vorstellbar.

Die militärische und politische Schieflage Kabuls sorgt bereits für Zerfallserscheinungen. Geister, die lange vertrieben schienen, kehren zurück: Der usbekische Abdul Raschid Dostum, der selbst ernannte Held Ismail Khan, der Hasara-Führer Hadschi Mohammad Mohaqiq und weitere Warlords haben dem Land schon früher ihre Stempel brutal aufgedrückt.

Auch die ethnische Fragmentierung Afghanistans entwickelt ihr eigenes Momentum. Im Nordwesten hissen bewaffnete Demonstranten die sogenannte südturkistanische Flagge. Im Norden und Nordosten reden tadschikische Vertreter verklausuliert von föderalen Staatsstrukturen oder einer "friedlichen Nachbarschaft mit den Paschtunen" - was im Keim der Androhung einer Unabhängigkeit gleichkommt. Jedenfalls wollen sie nicht auf Kabul warten, sondern sich bewaffnen und gegen die Taliban kämpfen, die hier einst unbeschreibliche Massaker veranstalteten.

Tiefsitzende Angst Die Zentralregierung versucht derweil, die Minderheitenführer mit einem neugegründeten Hohen Staatsrat beisammen zu halten. Doch der tiefsitzenden Angst der Minderheiten, bei einem möglichen Friedensabkommen zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban den Kürzeren zu ziehen, ist damit nicht beizukommen.

Das Chaos in Afghanistan, oder vielmehr die Stimmung am Vorabend eines Bürgerkrieges, ist allerorten zu spüren. Afghaninnen und Afghanen diskutieren nur noch über düstere und vollkommen düstere Aussichten. Dabei wäre die düstere der Bürgerkrieg mit einheimischen Gegnern. Die vollkommen düstere Vision wäre der Krieg, der auch die Nachbarländer miteinbezieht.Cem Sey

Der Autor ist freier Journalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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