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Gastkommentare - Pro
Brigitte Gisel
Selbst entscheiden

Pränatale Bluttests als routinebehandlung?

J ede schwangere Frau hat ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, welche - legal zugänglichen - Untersuchungen sie in Anspruch nehmen will und welche nicht. Das gilt auch für die umstrittenen Pränataltests. Sie haben den Vorteil, dass sie Mutter und Kind weniger gefährden. Die Aufregung, die diese Tests ausgelöst haben, ist gleichwohl nachvollziehbar, denn ihr Einsatz rührt an existenzielle Fragen. Nein, es gibt keinen Anspruch darauf, dem Schicksal in die Parade zu fahren. Und ja, die Prognosekraft des Testergebnisses ist beschränkt. Und doch hat die Kritik an den neuen Verfahren etwas Heuchlerisches. Fruchtwasseruntersuchungen, die Fehlgeburten auslösen können, gelten als medizinischer Standard bei Risikoschwangerschaften. Und Frauen, die ein Kind mit schweren Behinderungen erwarten, wird das Recht auf eine Spätabtreibung eingeräumt. Wichtig ist: Frauen dürfen nicht zum Test gedrängt werden. Und über die Konsequenzen entscheiden sie selbst. Die Diskussion darüber, wie viel vorgeburtliche Diagnostik diese Gesellschaft akzeptiert, kann aber nicht anhand von Untersuchungsmethoden geführt werden. Die Debatte um die Pränataltests und die Angst, dass Kinder mit dem Risiko einer Behinderung vorsorglich abgetrieben werden, zeigt doch nur, wie schwer wir uns alle damit tun, Menschen, die von der Norm abweichen, unbefangen entgegenzutreten und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. Zum Glück gibt es immer mehr Menschen mit besonderen Kindern und junge Menschen etwa mit Trisomie 21, die selbstbewusst in die Öffentlichkeit gehen und sagen: Es gibt uns, und das ist gut so. Nicht das Verbot vorgeburtlicher Bluttests verhindert Abtreibungen, sondern eine Gesellschaft, die offen ist für Menschen - auch wenn sie anders sind.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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