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Gastkommentare : Pränatale Bluttests als Routinebehandlung? Ein Pro und Contra

Sind Pränataltests ein Gewinn für werdende Eltern oder ein Schritt hin zu einer ärmeren Gesellschaft?Brigitte Gisel und Karin Janker über Freiheit und Verantwortung.

12.07.2021
True 2026-01-26T16:01:25.3600Z
3 Min

Pro

Frauen haben ein Recht darauf, selbst zu entscheiden und dürfen nicht zum Test gedrängt werden

Foto: Frank Pieth
Brigitte Gisel
Die Autorin arbeitet für den "Reutlinger General-Anzeiger".
Foto: Frank Pieth

Jede schwangere Frau hat ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, welche - legal zugänglichen - Untersuchungen sie in Anspruch nehmen will und welche nicht. Das gilt auch für die umstrittenen Pränataltests. Sie haben den Vorteil, dass sie Mutter und Kind weniger gefährden. Die Aufregung, die diese Tests ausgelöst haben, ist gleichwohl nachvollziehbar, denn ihr Einsatz rührt an existenzielle Fragen. Nein, es gibt keinen Anspruch darauf, dem Schicksal in die Parade zu fahren. Und ja, die Prognosekraft des Testergebnisses ist beschränkt. Und doch hat die Kritik an den neuen Verfahren etwas Heuchlerisches. Fruchtwasseruntersuchungen, die Fehlgeburten auslösen können, gelten als medizinischer Standard bei Risikoschwangerschaften. Und Frauen, die ein Kind mit schweren Behinderungen erwarten, wird das Recht auf eine Spätabtreibung eingeräumt. Wichtig ist: Frauen dürfen nicht zum Test gedrängt werden. Und über die Konsequenzen entscheiden sie selbst. 

Die Diskussion darüber, wie viel vorgeburtliche Diagnostik diese Gesellschaft akzeptiert, kann aber nicht anhand von Untersuchungsmethoden geführt werden. Die Debatte um die Pränataltests und die Angst, dass Kinder mit dem Risiko einer Behinderung vorsorglich abgetrieben werden, zeigt doch nur, wie schwer wir uns alle damit tun, Menschen, die von der Norm abweichen, unbefangen entgegenzutreten und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. Zum Glück gibt es immer mehr Menschen mit besonderen Kindern und junge Menschen etwa mit Trisomie 21, die selbstbewusst in die Öffentlichkeit gehen und sagen: Es gibt uns, und das ist gut so. Nicht das Verbot vorgeburtlicher Bluttests verhindert Abtreibungen, sondern eine Gesellschaft, die offen ist für Menschen - auch wenn sie anders sind.

Contra

Das Leben wird risikoärmer, vor allem aber ärmer

Foto: Daniel Hofer/Süddeutsche Zeitung
Karin Janker
Die Autorin arbeitet für die "Süddeutsche Zeitung".
Foto: Daniel Hofer/Süddeutsche Zeitung

Unsere Gesellschaft steht vor einem Umbruch: Binnen kurzer Zeit dürfte ein harmloser Bluttest, der unter anderem das Risiko für das Down-Syndrom ermittelt, zu einer Standardleistung für Schwangere werden. Der Test stellt werdende Mütter vor die Entscheidung zwischen ihrem Recht auf Wissen - und dem Recht auf Nichtwissen, das einzufordern immer schwieriger wird in einer Zeit, die von Optimierung, Eigenverantwortlichkeit und Berechenbarkeit geprägt ist.

Schwangere Frauen sollen heute eine selbstbestimmte, freie und informierte Entscheidung über den Embryo in ihrer Gebärmutter treffen können, am besten direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest. "Mein Bauch gehört mir", dieses Motto der Emanzipation gilt immer noch, aber es impliziert inzwischen eine Aufforderung: "Dein Bauch gehört dir - also verwalte ihn und seine Risiken sorgsam!" Die Medizin liefert der Frau Zahlen und stellt Tests bereit, die Ärztin beschafft das statistische Material - aber einen Umgang damit muss die Schwangere selbst finden. Es ist eine Form der Ermächtigung, ja. Aber auch eine Überforderung.

Dabei gehörte die Ungewissheit einst zum Zustand "guter Hoffnung". Doch diese Ungewissheit nicht nur auszuhalten, sondern sie angesichts des immer breiteren pränataldiagnostischen Angebots vielmehr einfordern zu müssen, wird für werdende Eltern zunehmend zur Herausforderung. Immer mehr Schwangere werden so zu einer Entscheidung gelangen, die etwa am Beispiel Dänemark bereits ablesbar ist: Dort machen 97 Prozent der Schwangeren den angebotenen Bluttest auf Trisomien. Zeigt er ein hohes Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom, so entscheiden sich 95 Prozent für eine Abtreibung. Das Leben wird risikoärmer, vor allem aber ärmer.

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