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Parlamentarisches Profil
Hendrik Kafsack
Die Sozialpolitikerin: Katrin Langensiepen

K atrin Langensiepen ist vieles: 41 Jahre alt, geboren in Langenhagen, Niedersachsen. Sie hat das Abitur geschmissen und später nachgeholt und ein halbes Jahr in Israel in einem Kibbuz gelebt. Sie hat in den Niederlanden studiert und als Au-pair in Marseille gearbeitet, als das mit dem Bachelor-Studium nicht so recht funktionierte. Sie hat eine Ausbildung zur Fremdsprachenassistentin absolviert für Niederländisch, Französisch und Englisch und währenddessen in Shanghai gearbeitet. Sie hat später "Hartz IV" bezogen, musste bei den Eltern wieder einziehen, arbeitete im Call-Center. Sie ist Mitglied bei den Grünen, bei Verdi, dem BUND und Amnesty International.

Seit der Europawahl 2019 sitzt Langensiepen im Europäischen Parlament - und sie hat die Erbkrankheit TAR-Syndrom. Ihr fehlen die Speichen in den Unterarmen. Sie ist sichtbar behindert, als einzige Frau im Europaparlament. Eine von insgesamt nur vieren unter 705 "MEP".

Nur logisch also, dass Langensiepen sich dort für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt und Vorsitzende der Interparlamentarischen Gruppe von Menschen mit Behinderung des Europäischen Parlaments ist. Federführend hat sie sich als zuständige Europaabgeordnete, als sogenannte Berichterstatterin, um den Initiativbericht zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonventionen in der EU gekümmert. Behindert - Behindertenpolitik, wie sollte es anders sein? "Ich bin über Stuttgart 21 in die Politik gekommen", sagt Langensiepen selbst von sich. "Und die Sozialpolitik." 2010 war das. Der Kontakt zu den Grünen entstand über ein Radiopraktikum, in dessen Rahmen sie sich vor allem um sozialpolitische Themen kümmerte. Ein Jahr später wurde sie in den Stadtrat von Hannover gewählt und dort sozialpolitische Sprecherin. Der starke Fokus auf die Behindertenpolitik kam erst mit der Wahl ins Europaparlament, als sie von der Fraktion gefragt wurde, ob sie das Dossier nicht übernehmen wolle.

Also hat sie den Bericht zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonventionen übernommen. Sie kritisiert, dass die Bundesregierung die EU-Antidiskriminierungsrichtlinie und damit auch eine starke EU-Politik für Inklusion blockiere, den Zugang von Menschen mit Behinderungen zu Bildung, dem ersten Arbeitsmarkt oder Barrierefreiheit. Reduzieren darauf lässt sich Langensiepen aber nicht. Sie bleibt Sozialpolitikerin. Ebenso sitzt sie im Parlament im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und ist Mitglied der Delegation für die Beziehungen zu den Maschrik-Ländern Ägypten, Jordanien, Libanon und Syrien. Vor allem die Lage in Syrien beschäftigt sie. "Aber natürlich bekomme ich, wenn ich etwas zu Syrien twittere, viel weniger Likes", sagt sie. Das ist durchaus frustrierend, vor allem in der Politik auf die Behinderung reduziert zu werden.

Aber von "Frust" will Langensiepen gar nicht reden. Denn wer wüsste besser als sie, was es heißt, mit Behinderung zu leben. Gerade weil ihre Eltern sie früh einfach ins kalte Wasser geworfen haben, in der "normalen" Schule, im "normalen Leben". Das ist die Hauptsache für sie, nicht in irgendeiner dereinst wohlmeinend eingeführten "Werkstatt" weggesperrt zu werden, wie es in Deutschland immer noch zu oft geschehe. Am Leben teilzunehmen, in irgendeinem normalen Betrieb zu arbeiten, ohne Hürden. "Ich selbst bin ja privilegiert: Fahrdienst, Assistenten, ausreichend Geld für ein Taxi", sagt sie. Aber rund um die Uhr "24/7" zu arbeiten, wie mancher Abgeordneter, das schafft, das will sie nicht. "Aber das ist auch gar nicht nötig", sagt sie - nur Popanz eines ineffizienten Männerclubs aus alter Zeit. Deshalb macht sie auch jedem anderen Menschen mit Behinderung Mut, sich für ein politisches Mandat zu bewerben. "Entscheidend ist, dass Du Menschen hast, die an Dich glauben, die sagen, das schaffst Du schon", sagt Langensiepen. So wie es ihre Au-pair-Familie in Marseille getan hat. Der Rest ist nur Politik.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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