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mobilität
Janin Istenits
Mehr Selbstverständlichkeit

Versperrte Wege, Treppen, Unverständnis - für Betroffene kann jeder Schritt vor die Tür zur Weltreise werden

Unbeschwert durch die Einkaufspassage flanieren, ohne Hindernisse Restaurants betreten oder spontan verreisen - Alltagsaktivitäten, die für viele selbstverständlich sind, werden Menschen mit Behinderung häufig verwehrt. Und das, obwohl vor zwölf Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft trat, die die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben in den Fokus stellt. Inzwischen gibt es bundesweit Bemühungen, die Mobilität von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen zu gewährleisten - etwa mit Blindenleitsystemen in Großstädten, Rampen an Geschäften mit Stufen oder Service-Angeboten für Menschen mit Behinderung, die verreisen wollen. Auch das zuletzt verabschiedete Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) soll sich für die uneingeschränkte Mobilität aller Menschen einsetzen, erntete jedoch von Betroffenen harsche Kritik.

Barrieren im Alltag Im Gespräch mit einigen der rund 7,9 Millionen schwerbehinderten Menschen in Deutschland wird schnell klar, warum das Gesetz, in dem es größtenteils um den Abbau digitaler Barrieren geht und das im ersten Entwurf auf eine grundsätzliche Verpflichtung der Wirtschaft zu mehr Barrierefreiheit verzichtet, für Unmut sorgt. Diesen verspürt auch die 28-jährige Studentin Simone Lai, die mit 17 eine Hirnblutung erlitten hatte und seitdem im Rollstuhl sitzt. Sie lebt in Stuttgart und auf ihren kleinen und großen Reisen vor die Haustür oder rund um die Welt begegnen ihr regelmäßig Hürden, wie etwa zu hohe Bordsteine. "Ich mache gerne Spaziergänge mit meinen Eltern", erzählt sie. "Wenn dann aber Autos den Weg blockieren und ich deshalb mit dem Rollstuhl einen Umweg machen muss, ist das sehr ärgerlich." Ähnliches erzählt sie auch von Ausflügen in die Stuttgarter Altstadt: "Viele Geschäfte haben Stufen und bieten keine Rampen an. Da komme ich einfach nicht rein", sagt sie.

Lai ist kulturinteressiert und reisebegeistert. Vor der Corona-Pandemie war sie viel unterwegs oder plante ihr nächstes Abenteuer. Bus-, Bahn- oder Flugreisen gehören normalerweise zu ihrem Leben dazu, sind aber immer noch nicht so einfach möglich: "Für mich gestaltet sich der Ein- und Ausstieg in Züge oder S-Bahnen in vielen Städten schwierig. An manchen Haltestellen kann ich nicht alleine aussteigen, weil es keine ebenen Ausgänge gibt. Manchmal muss ich so lange weiterfahren, bis endlich eine barrierefreie Station kommt", berichtet sie.

Lais Eindrücke spiegeln sich auch in den Ergebnissen einer kürzlich von der Aktion Mensch beauftragten und von Ipsos durchgeführten repräsentativen Online-Umfrage wider. Demnach geben 65 Prozent der rund 5.000 befragten Menschen mit und ohne Behinderung an, im Alltag auf Barrieren zu stoßen, die sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken. 24 Prozent nannten gesperrte oder zugestellte Wege als Problem, 22 Prozent schlechten Straßenbelag und 15 Prozent Stufen oder Treppen.

Auch die von Geburt an blinde Andrea Eberl fühlt sich im Alltag mit Barrieren konfrontiert, blindheitsbedingt allerdings mit anderen. Die Musikerin lebt in Grevenbroich im Rheinland und ist immer mit ihrer Blindenführhündin Enny unterwegs. "Hier in der Kleinstadt gibt es, soweit ich informiert bin, nur eine einzige Blindenampel. Es gibt wenige ampelgeregelte Kreuzungen. Der Verkehr reguliert sich, anders als in Großstädten, hauptsächlich über den Kreisverkehr. Für uns blinde, gehörorientierte Menschen ist ein Kreisverkehr immer ein Risiko, weil wir über unsere Ohren einschätzen müssen, wann wir die Straße überqueren können. Der Blindenführhund ist mir dabei eine unentbehrliche Unterstützung, weil er den Befehl 'Rüber!' verweigert, wenn ich etwa mal ein Auto überhöre. Mit dem Blindenstock alleine würde ich mich in solchen Situationen oft nicht über die Straße trauen", sagt die 57-Jährige.

Hilfe von Mitmenschen nötig "Die Busse fahren hier in größeren Intervallen, und die Haltestellen verfügen nicht über akustische Ansagen - anders als in deutschen Großstädten. Die Busse, die in verschiedene Richtungen fahren, halten aber an denselben Stationen. Da ist man immer auf die Hilfe von sehenden ein- und aussteigenden Mitmenschen angewiesen", sagt Eberl. Manchmal käme es sogar vor, dass ihr mit Enny der Zutritt zu Arztpraxen oder Restaurants verweigert werde. "Wenn ich einen Supermarkt oder einen Discounter betrete, in dem ich zuvor noch nie war, muss ich immer erst mal Aufklärungsarbeit leisten. Die Verkäufer wollen mich mit dem Führhund rausschmeißen. Das lasse ich mir aber nicht gefallen", sagt sie. Per Gesetz ist der Blindenführhund überall, auch in Krankenhäusern, erlaubt. Viele Restaurant- oder Ladenbesitzer berufen sich jedoch auf ihr Hausrecht.

Damit sich das ändert, engagiert sich Andrea Eberl im örtlichen Sehbehinderten- und Blindenverein. Doch auch der stößt an seine Grenzen. "Zur Zeit wird hier ein neues Leitsystem für Blinde gebaut. An sich eine gute Sache. Nur, dass wir vor Baubeginn überhaupt nichts davon wussten. Wir hätten die Stadt gern mit unserer Expertise unterstützt", sagt sie.

Die fehlende Einbindung von Menschen mit Behinderung beobachtet auch Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch, immer wieder: "Es muss eine echte Beteiligung her. Wir brauchen Integrationsbeiräte, die auch wirklich gehört werden. Denn leider ist es häufig noch immer so, dass sie bei den finalen Entscheidungen kein Mandat mehr haben", sagt Marx. Es müsste selbstverständlich sein, dass Menschen mit Behinderung eingebunden werden - auf Bundes-, Länder- und auch der kommunalen Ebene.

Positivbeispiel Auch Simone Lai wünscht sich, mitreden zu können. Durch Erfahrungen von ihren Reisen kann sie Vergleiche zwischen Deutschland und anderen Ländern ziehen. "Teneriffa ist für mich zum Beispiel eine fast rundum rollstuhlgerechte Urlaubsinsel. Dort fahren ganztägig Rollstuhl-Taxis", erinnert sie sich. "Außerdem haben die Menschen in südlichen Ländern weniger Berührungsängste mit Behinderungen. Manche Taxifahrer packen direkt an und tragen mich von A nach B. In Deutschland ist man viel zurückhaltender", berichtet sie. Auch bei einer Reise nach China sei ihr die barrierearme Bauweise aufgefallen, die zum Teil im krassen Kontrast zum Umgang mit Menschen mit Behinderung im Land stehe: "In China hatte ich mit meinem Rollstuhl gar keine Probleme, war aber schockiert davon, wie normal es ist, dass Menschen mit Behinderung gar nicht auf die Straße gehen."

Die Hürden im Alltag schränken die 28-Jährige in ihrer Spontanität ein und das sei gerade für sie als reisebegeisterte Rollstuhlfahrerin schwer zu akzeptieren. Lai versucht anderen Rollstuhlfahrern das Leben mit ihrem Blog "Planespoken" zu erleichtern. Dort gibt sie Tipps zu Reisen im Rollstuhl und berichtet von den Herausforderungen in ihrem Alltag.

Auch Andrea Eberl scheut sich nicht davor, auf Missstände aufmerksam zu machen und Mitmenschen etwa mit ihrem Podcast "Blind auf Reisen" für Barrieren zu sensibilisieren. "Aber viele Barrieren stecken tief in unserer Infrastruktur und können erst durch politische Entscheidungen umgestaltet werden. Deshalb ist es mir ein Anliegen, eine Petition an den Bundestag zu unterstützen, mit der Inklusionsaktivisten ein wirkliches Barrierefreiheitsgesetz, auch für die Privatwirtschaft, einfordern, damit sich endlich an den entscheidenden Stellen etwas ändert", sagt sie.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Bonn.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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