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ASSISTENZHUNDE
Susanne Donner
Ein Bello für alle Fälle

Sie können Medikamente holen oder den Fahrstuhl, warnen vor Unterzuckerung oder einem Asthmaanfall. Aber längst nicht jeder Vierbeiner ist dazu geeignet

Seit Chiara Wilhelm eine Hündin hat, traut sie sich wieder öfter vor die Tür. Die gelernte Rettungssanitäterin leidet seit ihrer Kindheit unter schwerem Asthma. Über die Jahre hat sich ihre Luftnot dermaßen zugespitzt, dass sie unterwegs mitunter Panikattacken bekam, berichtet sie. Ihre Angehörigen sorgten sich, wenn sie außer Haus war. Ihren körperlich anstrengenden Beruf musste die junge Frau gegen eine Bürotätigkeit beim Deutschen Roten Kreuz eintauschen. Den Kanon der Arzneien hatte ihr Hausarzt ausgereizt.

"Wenn mir niemand mehr helfen kann, muss ich mir selbst helfen", entschied Wilhelm. So kam sie zu einer Hündin, kein gewöhnlicher Vierbeiner, sondern eine Asthmawarnhündin. Diese kann eine sich anbahnende Atemnot anzeigen und so mitunter Schlimmeres verhindern, etwa indem Wilhelm dann Notfallmedikamente einnimmt.

Derzeit absolvieren Wilhelm und ihr Labradoodle "Nani" eine Ausbildung am Deutschen Assistenzhundezentrum. Denn um den offiziellen Status eines Assistenzhundes zu bekommen, muss der Vierbeiner trainiert werden. Die Kosten für die Ausbildung liegen im unteren fünfstelligen Bereich. Auch wer sich für einen fertig trainierten Assistenzhund entscheidet, muss mit einem entsprechenden Betrag rechnen.

Eintritt erlaubt Vertraut ist vielen der Anblick eines Blindenhundes, der, mit speziellem Geschirr ausgestattet, sein sehbeeinträchtiges Frauchen oder Herrchen durch Fußgängerzonen lotst. Aber den Assistenzhundeorganisationen zufolge können die Tiere weitaus mehr Patienten helfen: Rollstuhlfahrern heben sie heruntergefallene Gegenstände auf, schalten das Licht ein, öffnen Türen oder betätigen zuhause den Fahrstuhl. Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung können "sie aus Flashbacks reißen und beruhigen", sagt die Assistenzhundetrainerin Petra Köhler. "Sie warnen Diabetiker vor Unterzuckerung und Epileptiker vor Anfällen." Köhler arbeitet seit vielen Jahren mit Hunden, aber die Ausbildung von Assistenzhunden sei mit Abstand am erfüllendsten, "weil ich sehe, wie der Hund den Menschen helfen kann".

Bisher hatten lediglich Blindenhunde einen rechtlichen Sonderstatus und durften beispielsweise mit ihrem Frauchen Arztpraxen und Supermärkte betreten. Mit der Verabschiedung des Teilhabestärkungsgesetzes durch den Bundestag im April dieses Jahres ändert sich das: Patienten dürfen künftig jeden Assistenzhund in allgemein zugängliche Anlagen und Einrichtungen mit hineinnehmen.

Wilhelm freut sich über diese Gesetzesänderung. Bisher gelänge es kaum, mit ihrem Hund einzukaufen, berichtet sie. Immer käme es zu langen Diskussionen, weshalb der Vierbeiner nicht vor der Türe angeleint bleibe.

Was viele nicht wissen: An Assistenzhunde werden besondere Anforderungen gestellt. Nach frühestens 18 Monaten, meist ungefähr zwei Jahren, absolviert das Duo Wilhelm und Nani eine Prüfung beim Deutschen Assistenzhundezentrum. Die Hündin soll sich in der Öffentlichkeit tadellos benehmen. Dazu gehört auch, auf Kommando das Geschäft zu machen. Sie muss zeigen, wie gut sie ihrer Patientin hilft, etwa ob sie auf den Befehl "hol Medi" Medikamente holen kann. In einem Tagebuch dokumentiert die Asthmatikerin, wie oft Nani sie rechtzeitig vor einem Anfall warnen konnte.

"Wir trainieren momentan, dass sie mir das deutlicher anzeigt", berichtet sie. Das ist gar nicht so einfach. Wilhelm macht dazu Kniebeugen, bis ihr die Luft knapp wird und filmt den Selbstversuch. Die Hündin sitzt daneben. "Da", sagte die Trainerin Köhler beim Anschauen des Videos, "in dieser Sekunde, ehe dir die Luft knapp wird, setzt sie sich hin, starrt dich an und stellt die Ohren auf. Das ist typisches Warnverhalten." Wilhelm hatte den Moment verpasst. Nicht nur die Hündin muss trainieren. Auch die Patientin muss Nani lesen lernen. Nun arbeitet das Team daran, dass die vierbeinige Helferin deutlichere Signale sendet. Sie soll Wilhelm künftig vor einem Anfall mit der Nase anstupsen.

Angeboren Das Warnverhalten der Hunde sei angeboren, betont Petra Köhler. Es werde in umfangreichen Verhaltenstests vorher geprüft. Nur etwa drei Prozent der Hunde seien dazu im Stande, Gesundheitsveränderungen ihres Besitzers wahrzunehmen.

"Hochwertige wissenschaftliche Untersuchungen sind bisher noch rar", bedauert die Tiermedizinerin Kerri Rodriguez von der Colorado State University. Je nach Land und Organisation würden die Tiere anders ausgewählt und trainiert. In einer Zusammenschau bisheriger Studien beschrieb Rodriguez 2020, dass sich das Wohlbefinden von 83 Patienten dank eines Assistenzhundes verbessert habe.

Von einem traumatisierten Afghanistanrückkehrer hörte Norbert Schmidt von der seelischen Stütze, die ein Hund sein kann. In seiner Kindheit wurde er misshandelt. Vor Jahren erkrankte er in der Folge an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, schildert er. Mitunter plagen ihn minutenlange Dissoziationen, bei denen er nicht sprechen und sich nicht regen kann.

Vor wenigen Monaten entschied er sich für einen Assistenzhund. "Die Hündin legt sich zu mir, wenn es mir nicht gut geht. Das allein hilft schon. Seitdem ich Jayla habe, ein Australian Shepherd, gehe ich überhaupt wieder aus der Wohnung", berichtet er. Gerade lerne die Hündin, das Notrufarmband zu betätigen, das Schmidt immer bei sich hat.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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