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Arbeitswelt
Susann Kreutzmann
Ein mühsamer Weg

Menschen mit Behinderungen haben es sehr viel schwerer, eine Arbeit zu finden. Doch es gibt auch positive Beispiele, die zeigen, dass sich Inklusion lohnt

Der Arbeitsplatz von Anne Gersdorff war ebenerdig, das Nachbarbüro aber nur über ein paar Treppen zu erreichen. Ihr Arbeitgeber beantragte einen Plattformlift, damit Gersdorff mit dem Rollstuhl in beide Büros kommen kann. Drei Jahre habe sie dort als Sozialarbeiterin gearbeitet, berichtet Gersdorff. Der Plattformlift, der weit verbreitet und einfach einzubauen ist, wurde bis dahin nicht genehmigt. Ganz ähnlich erging es ihr mit einem für Rollstuhlfahrer umgerüsteten Auto, das ebenfalls ihr Arbeitgeber für sie beantragte. Denn Gersdorff musste in ganz Berlin unterwegs sein. Auch hier schlug die Bürokratie erbarmungslos zu. Erst nach zwei Jahren gab es die Genehmigung für das Auto.

"Wir haben extrem hohe bürokratische Hürden, um an die finanziellen Unterstützungen zu bekommen - sowohl für Menschen mit Behinderung als auch für Unternehmen", sagt Gersdorff, die jetzt bei dem Verein Sozialhelden als Referentin für einen inklusiven Arbeitsmarkt arbeitet. Es dauere zum Teil Jahre, bis das Geld, zum Beispiel für barrierefreie Umbauarbeiten, da ist. Der hohe bürokratische Aufwand und die viel zu komplizierten Wege für Unterstützungsmaßnahmen sind Gründe, warum so wenig Schwerbehinderte in Unternehmen eingestellt werden.

Dazu gibt es bei Arbeitgebern viele Vorurteile über Menschen mit Behinderungen, die sich hartnäckig halten. Sie seien öfter krank, wollten eine Sonderbehandlung und man werde sie nicht los, wenn man sie kündigen möchte, heißt es. "Das stimmt einfach nicht", betont Gersdorff. Menschen mit Behinderung seien so vielfältig wie Arbeitsplätze auch. "Es gibt für jeden Menschen einen Ort und Platz, wo er seine Stärken einbringen kann", sagt Gersdorff, die Sozialarbeit studiert und einen Master gemacht hat.

Dabei ist die Gesetzeslage eindeutig: Unternehmen in Deutschland mit mehr als 20 Mitarbeitenden müssen mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Tun sie das nicht, wird die sogenannte Ausgleichsabgabe fällig. Die liegt je nach Unternehmensgröße zwischen 125 Euro bis 320 Euro, die monatlich je unbesetztem Pflichtarbeitsplatz bezahlt werden müssen. Damit ist sie nach Überzeugung der Betroffenen zu gering, zumal es auch noch Erleichterungen für kleinere Betriebe mit weniger als 60 Beschäftigten gibt. "Der Ausgleichsbetrag ist zu niedrig, als dass er ernsthaft wehtut", sagt auch Gersdorff. "Viele Unternehmen zahlen lieber, als sich Gedanken darüber zu machen, wie kann ich Menschen mit Behinderungen einstellen und was brauchen diese."

Deutschland hat die UN-Behindertenkonvention 2007 unterzeichnet. Damit ist Inklusion keine freiwillige Angelegenheit, die ein Unternehmen umsetzen kann, sondern ein Menschenrecht. Dennoch sind die Barrieren, auf die Menschen mit Behinderungen stoßen, sehr komplex.

In Deutschland leben 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen, davon leben rund 7,9 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Sie haben es deutlich schwerer, eine Arbeit zu finden. Die Arbeitslosenquote liegt bei ihnen bei rund elf Prozent und ist damit fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Beeinträchtigungen. Auch wenn sich die Arbeitsmarktsituation von behinderten Menschen seit 2013 stetig verbessert hat, wird die Corona-Pandemie viele Erfolge der vergangenen Jahre wieder zunichtemachen, ist der Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup laut einer Studie der Aktion Mensch überzeugt. Denn Stellen die jetzt wegfallen, werden oft nicht ersetzt.

Nach langen Debatten wurde 2016 das Bundesteilhabegesetz verabschiedet (siehe Seite 4), um die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu stärken. In dem Gesetz wurden unter anderem Eingliederungshilfen neu organisiert und ein "Budget für Arbeit" vereinbart, das Fördergelder für Arbeitgeber vorsieht, die Menschen mit einer Behinderung einstellen.

Verbände kritisieren jedoch, dass dabei der Kostenfaktor im Vordergrund steht. "Im Mittelpunkt des Gesetzes steht mehr Selbstbestimmung. Dazu müsste gehören, dass es überall die entsprechende Haltung und das entsprechende Geld gibt", sagt Carola Pohlen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Doch schon zu Beginn sei die Devise ausgegeben worden, dass keine zusätzlichen Kosten entstehen dürften. Die Haltung, dass Teilhabe ein Menschenrecht ist, habe sich noch nicht an allen Stellen durchgesetzt, kritisiert sie.

Inklusionsbetriebe Dass Vielfalt in der Arbeitswelt funktioniert und dazu noch ein Erfolgsfaktor ist, zeigen die Inklusionsunternehmen. Viele dieser Firmen sind im Dienstleistungsbereich, in der Hotellerie, im Catering, Einzelhandel oder Gartenbau tätig, aber auch in der Automobilzuliefererindustrie oder im IT-Bereich. Rund 1.000 Inklusionsunternehmen mit etwa 30.000 Beschäftigten gibt es bundesweit.

"Wir zeigen, dass es funktioniert, gemeinnützig und sozial zu arbeiten und trotzdem wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Immer mehr Kunden wollen in diesen Markt investieren oder Dienstleistungen aus dieser Branche haben", sagt Christine Nothacker, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Berlin der Inklusionsfirmen. Sie ist der Meinung, dass eigentlich alle Unternehmen inklusiv sein sollten, denn soziale Verantwortung gehöre zum Unternehmertum dazu. In Inklusionsbetrieben sind bis zu 50 Prozent der Belegschaft schwerbehindert. Für alle Mitarbeitenden wird Tariflohn gezahlt. "Wir überzeugen mit Qualität. Wir werben nicht mit der sozialen Komponente, sondern mit Qualität", betont Nothacker, die selbst ein solches Unternehmen leitet. Denn genau wie überall arbeiteten in diesen Firmen Fachkräfte oder würden dazu ausgebildet. "Wir schauen immer auf die Kompetenzen, nicht auf das Stigma, die Behinderungen der Bewerber", sagt sie. Jeder, der arbeitswillig ist, sei willkommen. Finanzielle Unterstützung erhalten diese Sozialunternehmen durch die Ausgleichsabgabe, die ihnen zugutekommt, und ermäßigte Steuersätze. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Inklusionsunternehmen fordert jedoch auch einen uneingeschränkten Zugang zu staatlichen Konjunktur- und Wirtschaftsförderprogrammen, den es bislang nicht gibt. Ihr Argument: Sozialunternehmen sollen gewinnbringend im ersten Arbeitsmarkt arbeiten und müssen deshalb die gleichen Chancen wie alle anderen Firmen haben.

Da viele Inklusionsbetriebe im Dienstleistungsbereich arbeiten, trafen sie die Corona-Lockdowns mit voller Wucht. Trotzdem sei kein Mitarbeiter entlassen und es sei weiter ausgebildet worden - teils mit kreativen Methoden, wie Nothacker betont. So hätten zum Beispiel die Kochlehrlinge in der eigenen Küche per Videokonferenz ihre Menüs zubereitet.

Auch wenn solche Sozialunternehmen eine Erfolgsgeschichte sind, zeigen sie, wie weit Deutschland von einem wirklich inklusiven Arbeitsmarkt entfernt ist. Denn von den knapp acht Millionen schwerbehinderten Menschen sind etwa drei Millionen im erwerbsfähigen Alter. Davon schaffen gerade einmal eine Million den Schritt ins Berufsleben. Und auch für die rund 320.000 Beschäftigten der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen ist ein Übergang in den ersten Arbeitsmarkt fast unmöglich (siehe Text unten) und ihre Bezahlung dort weit entfernt von den Standards anderer Betriebe.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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