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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Zielsichere: Christoph Ploß

A uch dieses Jahr fällt der Sommerurlaub aus. Christoph Ploß kommt gerade von einer Podiumsdiskussion, es ist sieben Uhr abends. "Ich war jeweils zwei Tage in Mecklenburg-Vorpommern und in Dresden", fasst er seine Ruhetage zusammen - in diesem Sommer 2021. Der 36-Jährige wirkt, als sei er im Dauerwahlkampf.

Der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete hatte im Juni in einem "Spiegel"-Interview für Aufsehen gesorgt: Zu Hause solle selbstverständlich jeder, der das möchte, nach Herzenslust gendern können, sagte er. "Aber von Beamten, Lehrkräften und Dozenten erwarte ich, dass sie im Dienst gültige Regeln und Normen nicht einfach willkürlich verändern."

Was war passiert? In der Hansestadt wird immer öfter in Behörden, Universitäten und Schulen eine geschlechtergerechtere Sprache benutzt - also mit Sternchen oder Doppelpunkt zur Vermeidung des omnipräsenten grammatischen männlichen Geschlechts. Im Kern war der Vorstoß von Ploß so zu verstehen: dass er staatlichen Einrichtungen etwas verbieten will.

"Von einem Verbot habe ich nie geredet", entgegnet er. "Bestehende Regeln und Normen sollen einfach eingehalten werden." Ploß berichtet von einem "Konformitätsdruck" an Bildungseinrichtungen, von drohendem Punktabzug bei Noten, wenn in Haus- oder Abschlussarbeiten nicht die Sternchen gesetzt würden. Aber liefe seine Forderung nicht auf ein Verbot hinaus? "Nein. Es geht darum, dass die deutsche Rechtschreibung in staatlichen Einrichtungen eingehalten wird."

Bleibt die Frage, warum sich Regeln und Normen nicht ändern können sollten; Sprache ist immer lebendig. "Das ist ja keine natürliche Sprachentwicklung und schon gar keine von unten." Ploß sieht eine "kleine Minderheit" am Werk, die der Mehrheit ihren Willen aufzwingen wolle; dabei läuft die Debatte seit Jahrzehnten. Der Hanseat plädiert dafür, zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht zu unterscheiden. "Bei 'die Person' denkt man ja auch nicht gleich an eine Frau." Er verweist auf die türkische Sprache, die ohne grammatikalische Geschlechter auskomme - "das hat sich in der Türkei jetzt nicht gerade positiv auf die Gleichberechtigung der Frauen ausgewirkt", ist er überzeugt.

Ploß ist im konservativen Flügel der Union zu verorten. Er wuchs in einem Elternhaus auf, in dem die Mutter meist die Grünen wählte und der Vater meist die CDU; der promovierte Chemiker war in den 1970er-Jahren im Kofferraum eines Autos von der DDR nach West-Berlin geflohen. "Vom realen Sozialismus jedenfalls hatte mein Vater die Nase voll." Mit 22 Jahren wurde Ploß Abgeordneter der Bezirksversammlung Nord, studierte Geschichte und wurde dort speziell von den "European Studies" angezogen. Seine Dissertation verfasste er über die "New Commonwealth Society".

Ploß gilt als forsch und nahbar. Beherzt vertritt er seine Haltungen und steuert zielsicher das Scheinwerferlicht an. Als die CDU 2020 in der Hansestadt bei der Bürgerschaftswahl mit 11,2 Prozent eine historische Niederlage einfuhr, wurde er, der als einziger Christdemokrat seinen Wahlkreis direkt gewonnen hatte, Chef der Landespartei. Politik betreibt er, in den Worten seines Förderers und Ex-CDU-Landeschefs Dirk Fischer, mit hohem idealistischem Engagement. Und auch mit einer gewissen Portion Ungeduld, mit der er erspürt, wie man Debatten setzt - wie bei seinem Vorstoß im "Spiegel" gegen die Gender-Sprache, von dessen Echo er sich dennoch überrascht zeigt: "Das war in der Form nicht vorherzusehen."

Im Bundestag sitzt er im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union und im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur. Seine Zukunft sieht er vorerst in Berlin. "Ich sehe mich in den nächsten Jahren auf Bundesebene." Es ist nun kurz vor Acht, Ploß nur noch wenige Meter von der Wohnung entfernt. Doch Feierabend ist deshalb noch lange nicht. Es warten weitere Anrufe und Mails auf ihn.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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