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Claus Peter Kosfeld
Reden ist Silber, Schreiben ist Gold

Abseits der großen Bühne feilen Fachleute an Redemanuskripten für Spitzenpolitiker, aber nicht jeder Redner hat auch Talent

Wenn Spitzenpolitiker eine Rede halten, ob im Plenarsaal des Bundestages, auf Wahlkampftour oder bei Gedenkveranstaltungen an historischen Orten, haben Fachleute oft schon Tage oder sogar Wochen vorher akribisch am Manuskript gefeilt. Je länger die Rede und je bedeutender das Ereignis, umso gewissenhafter fällt die Vorbereitung aus. Professionelle Redenschreiber, ob im Bundestag, im Kanzleramt oder im Amtssitz des Bundespräsidenten, agieren abseits der Öffentlichkeit, es sind Namen, die in der Regel nur Insidern etwas sagen, denen jedoch eine enorme Verantwortung zukommt, denn mit guten und gut gehaltenen Reden können Politiker ihre Karriere entscheidend voranbringen, mit einer schlechten Rede unter Umständen jedoch brutal abstürzen.

Christian Gasche ist ein alter Hase in dem Geschäft und beschreibt seinen Werdegang als eine Mischung aus Berufung und Zufall. Als Stadtverordneter in Frankfurt am Main hielt er selbst Reden, zugleich wurde ihm klar, dass es ihm liegt, Reden zu schreiben. Heute entwirft Gasche Reden für Politiker und Wirtschaftsgrößen und ist im Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VdRS) im Präsidium aktiv.

Für die oft selbstständigen Redenschreiber oder Ghostwriter gibt es keine klassische Laufbahn, der Beruf hat etwas mit Neigung zu tun, viele Profis kommen aus der Kommunikationsbranche und haben Erfahrungen im Journalismus oder in der Werbung gesammelt. Beim Redenschreiben ist Technik gefragt, aber auch Kreativität. Gasche sagt: "Ein Redetext braucht einen gewissen Rhythmus, eine bestimmte Form, einen Aufbau und eine Inszenierung."

Hohe Honorare Redenschreiber verstehen sich als Dienstleister und stehen damit im Schatten ihrer prominenten Auftraggeber. Gasche macht das nichts aus: "Wenn die Rede überzeugt, dann ist das höchstes Lob." Freilich, fügt er hinzu, würden manche bedeutende Redenschreiber in den USA mit auf die Bühne geholt und öffentlich gewürdigt. "In Deutschland ist der Redenschreiber der Ghost, der steht zurück." Dafür werden mitunter hohe Honorare gezahlt.

Eine Rede kann gut geschrieben, aber schlecht vorgetragen sein, dann ist alle Mühe dahin. Talent lässt sich nicht herbeischreiben und manche Redner haben keins. Der Redetext allein entscheidet nicht über den Erfolg, auch der Redner selbst muss vor dem Publikum überzeugen: mit Mimik, Gestik, Haltung und Stimme. Hinzu kommen im besten Fall Eloquenz, Witz, geistige Frische, Spontaneität und Schlagfertigkeit, die allesamt auch unter die Rubrik Talent fallen und sich schlecht antrainieren lassen. Manche Redner ohne Talent begehen den Fehler, vom Manuskript abzuweichen und sich im Netz rhetorischer Fallstricke zu verfangen. Gasche wirkt noch immer aufgebracht, als er von einem Vorstand erzählt, der bei einer Hauptversammlung ein aus seiner Sicht sehr gutes Manuskript miserabel vorgetragen habe, wichtige Inhalte habe der Manager schlicht weggelassen oder vergessen.

Wähler überzeugen An Anlässen mangelt es nicht. Reden gehalten werden bei allen möglichen Gelegenheiten. Besonders gefordert sind Redenschreiber und Redner aber in der Politik, geht es doch darum, Wähler und die politische Konkurrenz von der eigenen Meinung zu überzeugen und so die politische Richtung vorzugeben.

"Die Drei-Minuten-Rede im Bundestag ist die Königsdisziplin", findet Gasche, denn: "Drei Minuten sind ganz schnell rum, wenn man da nicht auf den Punkt kommt, kann man nicht überzeugen."

Aus Sicht des Redenschreibers ist der Aufwand für eine solche Kurzrede im Verhältnis am größten. Und wie viele Könige beherbergt der Bundestag? "Wenige. Bei den Reden im Parlament fehlt häufig der Spirit, also mal eine gute Geschichte." Ganz hingerissen ist der Redenschreiber allerdings von Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU), der im Oktober 2020 in einer frei gehaltenen Rede zur Corona-Lage "mit emotionaler Vehemenz bei gleichzeitig druckreifen Formulierungen" für eine "Sternstunde" im Bundestag gesorgt habe. "So etwas bräuchten wir öfter."

Bemerkenswert ist auch eine andere Leistung: Der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich ist Spitzenreiter bei der Gesamtzahl der Reden im Parlament. Ullrich kommt laut Parlamentsdokumentation in dieser Legislaturperiode auf nicht weniger als 165 Einsätze am Rednerpult und liegt damit klar vor der Konkurrenz: Helge Lindh (SPD) hatte bis Anfang Juni 109 Einsätze, Friedrich Straetmanns (Linke) 87.

Rekordhalter Ullrich wertet seine häufigen Redebeiträge als Bestätigung für seine Parlamentsarbeit, will das aber auch nicht überbewerten. Bisweilen werde er von Kollegen als Redner vorgeschlagen, wenn es um knifflige Fragen gehe. Die Reden schreibt Ullrich selbst, wie er sagt. Reden, die sein Fachgebiet Inneres oder Recht betreffen, bereiten ihm keine besondere Mühe. "Da bin ich eh im Thema drin, da mache ich mir nur ein paar Notizen, worauf es uns ankommt." Mehr Aufwand ist mit Reden verbunden, die andere Themen betreffen. In solchen Fällen bereite er sich gezielt vor, sagt Ullrich. "Da setze ich mich hin und überlege, was kann ich sagen, wie kann ich das strukturieren, wen kann ich zitieren, wo ist der rote Faden." Bisweilen liefern Mitarbeiter Zuarbeiten, wenn es um Zitate oder Zahlen geht. "Aber dass jemand mir eine Rede vorfertigt und ich die nur ablese, das kommt nicht vor."

Reden im Parlament sind speziell, weil die Redner auf ihre Vorredner oder auch auf Zwischenrufe oder Zwischenfragen eingehen sollten. Das bietet Chancen und Risiken. Manche Redner punkten gekonnt mit schlagfertigen Erwiderungen, andere geraten völlig aus dem Konzept.

Ullrich schätzt, dass 60 bis 70 Prozent der Reden im Bundestag abgelesen werden und räumt ein, dies stehe in einem gewissen Widerspruch zur Geschäftsordnung des Hauses. Dort heißt es in Paragraf 33: "Die Redner sprechen grundsätzlich in freiem Vortrag. Sie können hierbei Aufzeichnungen benutzen." Er selbst nutze Stichwortzettel, rede manchmal aber auch frei.

Falls jemand im Wahlkampf professionelle Unterstützung bräuchte, hätte Redenschreiber Gasche sofort Ideen parat. "Ich könnte für jeden Kandidaten aus dem demokratischen Spektrum eine Wahlkampfrede schreiben", sagt er und fügt hinzu, falls nötig "auch eine Ruck-Rede".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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