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Johanna Metz
»Kiezdeutsch ist nichts Fremdes oder Falsches«

Ob im Bus, beim Plausch mit der Nachbarin oder auf Reisen, Heike Wiese hört immer genau hin, was um sie herum gesprochen wird. "Mich interessiert alles, was mit Sprache zu tun hat", sagt die Germanistin. "Wohl eine Art Berufskrankheit." Zum Lauschen gibt es für die 55-Jährige an diesem Sommertag allerdings wenig; die Parkbänke am Berliner Engelbecken sind in der Mittagshitze verwaist. Nur Wieses Mischlingshündin geht am Ufer spazieren, während die Linguistik-Professorin mit ausladenden Gesten von ihrem Herzensthema, dem Kiezdeutsch, erzählt. Gemeint ist der Slang, den Jugendliche in den Multikulti-Vierteln deutscher Städte sprechen; in den 1990er Jahren machte ihn der türkischstämmige Komiker Kaya Yanar durch Sendung "Was guckst Du?!" einem Millionenpublikum bekannt.

"Um 12 ich geh Kino", "Lassma Moritzplatz aussteigen", "Alda, die Stadt is nich mein Ding so" - wenn Teenager so sprechen, rümpfen viele Erwachsene die Nase. Schlechtes Deutsch sei das - wollen diese Migrantenkids sich etwa nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren?! Solchen Reaktionen begegnet Wiese mit Aufklärung zu sprachlichen Fakten. "Kiezdeutsch ist nichts Fremdes oder Falsches", sagt sie mit fester Stimme. "Kiezdeutsch ist Deutsch, ein deutscher Dialekt, so wie Schwäbisch oder Bairisch, nur eben jünger." Wie bei anderen Dialekten gebe es Abweichungen zum Standarddeutschen, in der Aussprache, bei Wörtern und Wortstellungen. "Das ist aber nicht chaotisch, sondern folgt immer grammatischen Regeln."

In Niedersachsen geboren hat Wiese in Göttingen Germanistik und Philosophie studiert. 1993 zog sie für ihre Promotion im Fach germanistische Linguistik nach Berlin und wohnt seither mitten im multikulturellen Szenekiez Kreuzberg. "Mir ist gleich aufgefallen, dass die Jugendlichen hier einen spannenden Sprachgebrauch haben", erzählt Wiese. So hat sie Kiezdeutsch als eines ihrer Forschungsthemen entdeckt.

Seit zwei Jahren leitet sie den Lehrstuhl "Deutsch in multilingualen Kontexten" an der Humboldt-Universität zu Berlin. Hier erforscht sie, wie dynamisch die deutsche Sprache sich in mehrsprachigen Milieus entwickelt" Ein aktueller Schwerpunkt ist die Sprache der Namibiadeutschen. Wiese spricht selbst fließend Englisch, kann einige Brocken Türkisch, Kurdisch, Französisch, Persisch und etwas deutsche Gebärdensprache. Sie war es, die in den 2000er Jahren den Begriff "Kiezdeutsch" im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs etablierte - anstelle von abwertenden Bezeichnungen wie "Türkendeutsch" oder "Kanak Sprak". 2012 veröffentlichte sie das erste Buch über die Jugendsprache.

Darin räumt sie unter anderem mit dem Vorurteil auf, Kiezdeutsch-Sprecher seien Migranten. "Das ist eher ein postmigrantisches Milieu. Die Jugendlichen sind hier geboren, sind Deutsche. Ihre Vorfahren kommen oft, aber nicht immer, aus anderen Ländern wie der Türkei." Der Dialekt schaffe eine Verbindung zwischen den jungen Kiez-Bewohnern: "Er zeigt: Wir sind eine Clique, egal, welche Sprache unsere Eltern oder Großeltern sprechen."

Um mehr über den Jugendslang zu erfahren, haben Wiese und ihr Team Jugendlichen monatelang Aufnahmegeräte mitgegeben und ihre Gespräche ausgewertet. Dabei sei aufgefallen, dass die Teenager Kiezdeutsch fast nur miteinander sprechen. "Die switchen sofort in Standarddeutsch um, wenn sie mit Erwachsenen reden." Für Wiese ein Beleg für die Sprachkompetenzen der mehrsprachig aufgewachsenen Jugendlichen. "Sie können auf viel mehr sprachliche Ressourcen zurückgreifen. Das ist ein Schatz, den die Gesellschaft viel stärker fördern sollte - etwa indem Türkisch und Arabisch als Schulfach angeboten werden." Wiese hat darüber zusammen mit zwei Kolleginnen ein neues Buch geschrieben: "Deutschpflicht auf dem Schulhof? Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen".

Dass es Kiezdeutsch noch immer so schwer hat, als deutscher Dialekt akzeptiert zu werden, sieht die Linguistin auch in der "Abneigung gegen bestimmte Menschengruppen" begründet. "Manchen fällt es schwer, Jugendliche als Sprecher eines deutschen Dialekts zu verstehen, die sie nicht als deutsch akzeptieren - auch wenn sie Teil der deutschen Gesellschaft sind." Wenn ihnen aber immer wieder signalisiert werde, sie seien fremd, "entfremden sie sich oft irgendwann tatsächlich von der Gesellschaft", warnt Wiese.

Auch weil sie solche Einstellungen in Deutschland beklagt, bekommt die Professorin seit Jahren Hassmails und Drohungen. Aber Wiese lässt sich nicht einschüchtern. "Ich sehe auch die Erfolge. Früher wurde ich oft gefragt, wie man den armen Kindern mit dem schlechten Deutsch helfen kann. Heute ist der Blick differenzierter." Sobald die Corona-Pandemie es zulässt, will Wiese für ein Forschungsprojekt nach Namibia reisen. Vorher aber freut sie sich nach Monaten im "Home Teaching" darauf, endlich wieder ihre Studenten in der Uni zu sehen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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